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        (aus : Swami Sri Yukteswar, "Die Heilige Wissenschaft")

Rechthaberei

        

Der sogenannte Volksmund hat nicht immer unrecht. Polemisch oft, ja, doch nicht immer ohne Berechtigung seine Thesen. Etwa "Vor Gericht erhalten Sie nicht Recht, sondern ein Urteil", oder "Vor Gericht und auf hoher See sind wir alle in Gottes Hand". Vom sprichwörtlichen "Rechtsverdreher" wollen wir besser gänzlich schweigen.

Woher dieses eher nachteilige Image der Rechtspflege ?

"Und das soll jetzt Recht sein ? Richtig ? Das ist Ihr Urteil ?!" brüllte einmal ein beklagter Arbeitgeber den Arbeitsrichter an, dem ich als Praktikant beigesessen hatte. Wir waren nach der Urteilsverkündung soeben aufgestanden und auf dem Weg ins Richterzimmer gewesen, der Richter bereits dorthin entschwunden, während mir für den Beklagten, einen Bauunternehmer, nichts mehr als verabschiedende Blicke des Mitgefühls blieben. 16.000,- DM sollte er seinem ehemaligen Baumitarbeiter zahlen wegen Formfehlern in der Kündigung und folglich monatelang weiterhin fortbestehenden Arbeitsverhältnisses. Der Kläger war ganz sicher unsympathisch gewesen, jemand, dem ich kaum eine Schaufel, geschweige denn einen Bagger anvertraut hätte. Aber es half nichts, er hatte leider - Recht. Es waren Erlebnisse wie dieses, die mich lehrten, dass Justicia tatsächlich optisch blind zu sein und nichts als Sachverhalte unter Gesetzestexte zu subsumieren hat; eine Dienerin des Rechts, der Gerechtigkeit, die sich letztlich ausnahmslos am ewigen Prinzip des vollkommenen Ausgleiches aller Interessen orientiert, was die berühmte Waagschale zu repräsentieren versucht.

Die Rechtspflege also als Dienerin dieser Gerechtigkeit. Dieses Ideal zu verwirklichen, war ein wesentliches Motiv meines Jurastudiums in den 90ern. Nur hatte ich die studentische Rechnung ohne den Wirt des Lebens gemacht, weshalb ich zwar noch alle Zulassungsvoraussetzungen für das Erste Staatsexamen beisammen hatte, sich davon jedoch die familiär und damit einhergehend auch wirtschaftlich bedingt allmählich übergroßen Rechnungsberge nicht mehr bezahlen ließen. Stattdessen lernte ich Jura im Alltag kennen, oft genug aus wenig erfreulichen Anlässen heraus, die nebenher Familie / Freunde / Bekannte mit eigenen Baustellen zu ergänzen wussten. Learning by doing funktionierte mal mehr, mal weniger, langweilig wurde es dabei zumindest nie, denn auch mit jeder weiteren Niederlage durfte ich dazulernen. Immerhin verlor das zweitgrößte Berliner Wohnungsbauunternehmen erstinstanzlich gegen meine Mutter, nachdem ich dem Gericht detailliert darlegen konnte, dass die installierten Heizkostenverteiler zwar anerkannter Stand der Technik sein mochten, dennoch nicht mit dem Wortlaut des Mietvertrages korrespondierten, wonach erfasster Verbrauch und eben keine indirekte fehleranfällige Hochrechnung  für die Berechnung der Betriebskosten heranzuziehen waren. Hat mich ungezählte Stunden und viele Dutzend Seiten geschriebenen Papiers gekostet. Starke Nerven brauchte ich auch, einer Rechtspflegerin im Amtsgericht Spandau zu erklären, dass der Jahre alte Räumungstitel gegen die Familie meines Kollegen zwar nicht verjährt, aber verwirkt sei; ein Referenzurteil hatte ich Gott sei Dank in der Hand, sonst hätte sie mich trotz allem weggeschickt und die Wohnung wäre geräumt worden. Die zuständige Richterin war zunächst wenig begeistert von meiner Argumentation, stimmte mir allerdings doch zu. 

Große und kleine Erfolge, große und kleine Niederlagen -- wären mir unbekannt geblieben, hätte ich nicht Jura auch von innen kennenlernen dürfen. Dann aber wäre es mir wie vielen anderen ergangen, die Jura nur von außen als reines Roulettespiel ansehen und gerade noch der Überparteilichkeit eines Bundesverfassungsgerichts vertrauen, untere Instanzen hingegen als willkür- und korruptionsanfällig betrachten, nicht besser als Politik oder Pharmazie.  Klar mag hier und da etwas dran sein an den Vorurteilen, schließlich sind auch Richter nur Menschen, und Rechtsanwälte sind letztlich konkret wirtschaftlich abhängig davon, möglichst viele Mandanten gleichzeitig zu betreuen, worunter die wünschenswerte Beratungsqualität nicht selten leiden muss. Allein deshalb jedoch wäre unangemessen, Justiz und Recht in einen großen mit Lottozahlen gefüllten Lostopf zu werfen. Wir tun damit all jenen Unrecht, die sich tatsächlich bemühen um Wahrheitsfindung, Abwägung, Präzision in allen Einzelfällen. Auch wenn für einen Vollzeitjuristen (w/m/d) das Recht und die damit zusammenhängenden menschlichen Schicksale irgendwann so routiniert "erledigt" werden wie ein Notarzt todkranke Patienten behandelt, bleibt trotz vielleicht emotionaler Abstumpfung in aller Regel doch ein hart ummauerter Kern fundierter Rechtstheorie bestehen; vielleicht empathielos wirkend, dennoch weder unlogisch, noch unrecht. Das darf ich behaupten, denn spätestens das Lesen der Beschluss- bzw. Urteilsbegründungen vermochte zumeist, mich zu überzeugen, auch wenn das Ergebnis nicht meinen Geschmack traf.

Wer mehr als nur einen vereinzelten juristischen Misserfolg im Leben hinzunehmen hat, ist leicht geneigt, vom Versagen unseres Rechtstaates überzeugt zu sein. Wie ein solches Versagen indes aussehen würde, kann in vielen totalitären Staaten der Welt anschaulich betrachtet werden -- von solchen Verhältnissen sind wir tatsächlich wirklich weit entfernt. Aber das scheint mir wie mit den Verkehrsregeln : Nützen sie mir, mag ich sie; sind sie mir lästig, lehne ich sie als ungerechtfertigten Eingriff in meine Freiheit ab. Nach dieser Denkweise fahren und leben so einige Menschen und wundern sich dann über Unordnung in Ihrem Leben, in ihrem sozialen Umfeld. 

Vielleicht würde helfen, schon in der Schule Recht als eigenes Schulfach einer Jahrgangsstufe einzufügen. Kaufverträge, Mietverträge, Erbschaft, Strafrecht, Grundrechte ... wenigstens das kleine juristische 1 x 1. Damit später einmal weniger Fallstricke im Leben für lebenslange Frustration oder gar Verängstigung sorgen können. Es ist schon seltsam, was wir alles in der Schule nicht eingehend genug lernen : Recht ebenso wie etwa Ernährung, (Über-)Leben mit und in der Natur, Hausbau; Leben in Beziehungen oder einfach mit Menschen, die einem anderen Weltbild folgen. -- Dafür kann ich noch heute eine lange Liste von Präpositionen auswendig aufsagen : An, auf, hinter, neben, in, über, vor, zwischen, mit, beiseit, durch, für, ohne, um, sondern, gegen, wider,  ... aber davon konnte ich noch nie meine Rechnungen bezahlen.