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Was es sonst noch gibt

 

 


Nur ein einziger Mensch aus Mecklenburg- Vorpommern wird die folgenden Zeilen zu deuten wissen. Ein kleiner Text für eine von mir bewunderte Herzensdame, die mir schon immer sehr nahestand. Kein großes Epos für Euch, doch vielleicht einigermaßen nett zu lesen ... 

Mär vom Dorfe (2016)

Es war einmal eine Maid mit 12 zahmen Hündchen, die sie mehr liebte als je sich selbst. Aus einem Lande einst gekommen, da die Sonne aufgehet, lebte sie mit ihnen in einer einfachen Lehmhütte am unteren Rande eines Dorfes abseits der Zivilisation. Es war kein Dorf eitlen Sonnenscheines, kein Dorf unbeugsamer Gallier, kein Dorf suchender Könige aus dem Morgenland, sondern einfach nur ein kleines bescheidenes Dorf. Und trotzdem waren alle zufrieden.

Mangels anderweitiger Autorität herrschte hier ein König. Er fand Gefallen an der Frau und ließ nichts unversucht, sie hoch auf sein stolzes Schloss für immer und ewig zu locken. Der 12 Hunde Herrin war zunächst nicht abgeneigt, erkannte sie wohl sein gutes Herz. Doch gruselte sie die kalte Finsternis in den schroffen Gemäuern seines Hofes. Mehr noch, ihre Begleiter ängstigten sich vor dem König wie seiner Gefolgschaft derart, dass sie sich nie getraute, ihre Getreuen auch nur für eines Augenblickes Dauer aus wachsamen Blicken zu entlassen. Und so geschah, dass dem König gegenüber auf immer Abschied zu nehmen war. Davon ergrimmte jener und fortan gelüstete ihn, seine einst verehrte Dame mit Mannesworten herabzusetzen. Die Geschmähte, kecken Geistes, lud alsbald zum öffentlichen Schauspiele, das des Volkes Geister schied. Sie sei übermütig, meinten die einen zum Werke, andere indes zollten Respekt.

Tiefe Gram überfiel des Königs schon grimmiges Gemüt, sah er doch in jenem Schauspiele sich selbst dargestellt; und das nicht etwa in vortrefflichster Weise, wie es sich geziemte, sondern vielmehr in für ihn beschämender, in Blöße. Und so scharte er alles Volke um sich und bezichtigte die zu Entwürdigende öffentlich einer das Dorf aufwiegelnden Dirne. Die Acht sei über sie ausgerufen, vogelfrei und jedermanns Willkür zum Geschenke fortan die Geächtete mitsamt Anhangs. Das Volk, verwundert, war sich uneins, zu sehr waren viele angetan von Mut wie Anmut der Gauklerin. Weder Fehl noch Tadel fanden viele an ihr und schenkten der Acht wenig Achtsamkeit. So besprachen sie sich, jeder sei seines Gewissens Knecht allein, und gingen nach Hause. Der König, allein gelassen, ergrimmte mehr denn je und rief seinen Jäger, zu erlegen die 12 anhänglichen Kreaturen. Der Dirne im übrigen sei bestimmt, durch des Königs höchstselbige Hand dem Dolche zu erliegen.

Davon ereilte Kunde die mit dem Tode Bedrohte, die sich sodann mehr als im zarten Ansatze zu Tode erschrocken sah. Noch zur Stund drang sie zum Aufbruch, mit ihren Lieblingen in´s Wasser zu gehen. Auf dem Weg zum seichten Bächlein neben ihrem Hause, das sie durchschreiten wollte heimwärts zu kehren, erschien ihr plötzlich eine strahlend leuchtende Fee von einem fernen Sterne. Diese sprach : "Halt ein, holdes Kind, fürchte Dich nicht ! Erblickest Du nicht, wie wenig Deine Häscher vermögen ? Wer will es mit ihnen aufnehmen, wenn nicht Du ? Dir ist tapferer Mut gegeben und ein sehendes Herz. Nimm Deinen Mut, folge Deinem Herzen -- und öffne die ihren ! Dann sei Dein Wunsch des Schicksales Befehl. Siehe, ich will bei Dir sein, kein Leid soll Dir geschehen, so wahr mein Name Tara laute."

Die Begnadete, von Ehrfurcht knieend, nahm ihre Zeugen und kehrte nun um. 

Der Morgen dämmerte, niemand zu sehen. Doch nein, schon ließ ein Schatten sich ahnen. Es war der Jäger mit einem Beile, so groß, dass es 12 Wölfe auf einen Schlag zu enthaupten vermochte. Das Kind, seines Auftrages gewahr, segnete inniglich seine Getreuen und schickte sie an, zu erlegen den Jäger. Dieser, von Überraschung befallen, war nunmehr von Bestien überfallen, bevor das Beil sein vernichtend Werk verrichten konnte. Im Augenblick seines letzten Atemzuges winselte er um Gnade, und sie ward ihm gewährt. "Sage Deinem Herrn, ich verachte ihn nicht, sondern ich liebe ihn wie ich liebe diese Hunde. Doch sage ihm auch, dass ich nicht nur sein, sondern jedes Wesens Herz gleichermaßen liebe. Allein, ich habe beschlossen ohne den König zu sein. Halte er mir das vor, so sei es, -- doch niemals und nirgends wird er Herzen gewinnen, indem er Herzen zerschlägt." Der Jäger, von Zustimmung getroffen, wandte sich um und fiel schon nach wenigen Schritten Laufes dem König in die Arme, der die für ihn bestimmten Worte bereits vernommen zu haben schien. Jener stieß ihn erbost von sich und rief zur Gnadenwalterin : "Du liebest mein Herz, doch nicht meine Krone ? Nicht mein Schloss, noch meinen Staat ? So liebst Du nicht mich ! So sterbe !" Und nahm seinen Dolch und stürzte hervor, der Unerschrockenen entgegen. Doch als schon der Jäger anhub ihn bettelnd zu warnen ob des im Wege liegenden Beiles, da trat der Unbeherrschte bereits mitten hinein. Am Fuße verwundet, fiel er in des Dolches spitze Klinge und schlug mit dem Kopfe nicht sonderlich weich auf des Bodens weises Urgestein.

"Nein, nein, meine Tara, das lasset nicht zu, nicht solchen Todes solle er sterben !" rief sie und hielt fest seine Hand. Ihre Tränen berührten des Königs scheidende Augen, die noch aufblickten, als er sprach : "Was weinest Du um meinetwillen ? Bin nicht ich es, der zu erdolchen Dich gesann ?" Sie aber strich über sein Haupt und entgegnete ihm : "Der König war´s, Dein Herz war´s nicht. Und bliebest Du am Leben, so erkenntest Du dereinst des feinen Unterschiedes Maß." Darauf versiegten die Wunden, und der König fand sich unversehrt. "Mein Kind," sprach die Fee, "Du nahmst Deinen Mut und folgtest Deinem Herzen. So ward kein Leids Dir geschehen und erfüllte sich, worum Du batest. Siehe, ich bleibe bei Dir alle Zeit, so du bleibest diesem Deinem Wege treu." 

Zerrissenen Kleides, knirschenden Zahnes, erhob sich der König, dankte gleichwohl und kehrte heim, die Acht zu beenden.

Die Beschenkte verneigte sich dankbar vor den Sternen und widmete ihr Leben fortan dem Wege der Tara, den sie auf Schritt und Tritt mit ihren Schätzen zu teilen wusste.

So kehrte es zum Frieden zurück, das kleine bescheidene Dorf. Und wenn die Zeit nicht fortschritt, so hielt er allezeit.





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Zum Beispiel hatte ich kürzlich (Mai 2014) die großartige Idee, meinen mich dringend beschäftigenden Fragen äußerer Gestaltung männlicher Antlitz- Gestaltung wörtlich Raum zu geben. Blöderweise in einem Forum, das aus rechtlichen Gründen grundsätzlich keine Beiträge in personifizierter Form gestattet ...

Also bitte lieber nicht nachmachen ;)

 

Brauchen Männer Bärte ? oder : Wann ist ein Mann ein Mann ?

 „Mein Haus -- mein Auto -- mein Hund-- mein Bart !“ … und ich kann wieder nicht mitreden. Nein, mit einem Bart kann ich wahrlich nicht angeben, auch wenn ich mich immer wieder erst nach vier Tagen oder gar einer Woche aufraffen kann, dem traditionellen Schönheitsideal willig zu dienen. Dem Schönheitsideal ? Wohl gerade nicht, jedenfalls nicht mehr, denn schaue ich mich um, so schaue ich in bärtige Gesichter. Nicht etwa Leute, die 20 Jahre älter sind als ich, sondern welche, die 20 Jahre jünger sind. Ob in der Werbung, im TV, im Net, im Haus, auf der Straße oder im Bio-Supermarkt : Sie sind da. Omnipräsent. Sie leben. Und sie werden täglich mehr. Sie tragen streng gezeichnete Koteletten bis zum Unterkiefer; 2,856 cm breit einmal um den Mund herum; eine hauchdünne Welle über der Oberlippe; eine dynamische Linie von Ohr zu Ohr; Musketier, Ziege oder einfach nur Voll – jedenfalls Bart. 

Und ich ? Ich frage mich, wie die Mädels das wohl finden. Denn schließlich weiß ich aus erster, zweiter und dritter Hand, dass das zarte Gesicht einer Dame durchaus not amused ist, von grobschlächtigen Stoppeln zerfurcht zu werden. Aber vielleicht hat sich da auch wieder was geändert, ohne dass ich es bemerkt habe … naja, ich habe mich natürlich schon immer ganz dringend gefragt, was andere Männer haben, das ich nicht habe … und vielleicht kenne ich doch die Antwort (ein Wort mit vier Buchstaben) längst,ohne es zu wissen. Schon Grönemeyer wusste keine Antwort, er wusste nur, dass Männer alles ganz, ganz genau machen. Auch den Bart. Aber mit dem nehme ich´s bekanntlich eben nicht genau, also was sollte ich mich wundern, sofern ich mich wundern würde. 
Dass Bärte nicht nur Zeichen religiöser Überzeugung, sondern ebenso Sympathieträger sind, weiß jedenfalls schon seit über 40 Jahren Yusuf Islam. „Why must we go on hating, why cant´t we live in bliss ?“, fragte er sich 1971 als Cat Stevens im Peacetrain. Zeitgemäß übersetzt sollte ich mich wohl fragen: “Warum bin ich auf Bartträger neidisch, weshalb schließe ich keinen Frieden mit      Ihnen ?”.  Er hat recht. Ich werde mir ein Beispiel an ihm nehmen … wenngleich nicht unbedingt an seinem Vollbart.

 

-- Fortsetzung --


 „Schuld und Sühne“ – oder : „Of Beards and Men“

Nein, nicht von Rodion Romanowitsch Raskolnikow ist hier die Rede (obgleich das aus einer analogen Sichtweise heraus nicht ganz unpassend wäre ... :D ), sondern von einer Person P, die vor wenigen Tagen in einem geisteswissenschaftlichen Forum F einen kleinen Thread eröffnete zu einem menschliche Bärte betreffenden Titel. Dieser Thread wurde in Abwesenheit des TE (P) von der Administration des F gelöscht unter der Erklärung, es sei von P die Forenregel verletzt worden, niemals in "ich"-Perspektive, sondern fiktiv zu schreiben (Zitat : "...bitte nur ausgedachte Beispielsfälle ..."). Indes wird vermutet, dass möglicherweise ein Leser (wohl keine LeserIn) am Inhalt des Themas Anstoß genommen haben mag und es erbost als Regelverstoß meldete. Hiergegen könnte zwar eingewandt werden, F sei von seiner Nutzerstruktur her ein zu 100 % intellektuell wohlbewandertes Forum, des exakten Lesens befähigt und folglich der hintergründigen Motivation des P bewusst, keineswegs Bartträger in jeglicher Form diskreditieren zu wollen. Jeder, der P ein wenig näher kenne, wisse das zweifellos. Gleichwohl mag die Thematik doch zu brisant gewesen sein, als Thread eröffnet werden zu dürfen, denn eine gewisse Polarisierung und Polemik lag den Worten des P möglicherweise nicht besonders fern.

Es darf deshalb bitte davon ausgegangen werden, dass P sich in aller Form bei allen potentiellen wie tatsächlichen Bartträgern unter der geneigten Leserschaft entschuldigen könnte -- ausdrücklich, ernsthaft und nachhaltig. Als Zeichen der Sühne für den welcher Art auch immer angenommenen schuldhaften Regelverstoß darf P fortan nicht nur potentiell, sondern tatsächlich im gesamten Wirkungskreis des F sowie bei Bedarf auch persönlich mit Maledicta jedweder Gestaltung angeredet werden; der Eloquenz sind keine Grenzen gesetzt.

In der theoretischen Hoffnung eines angemessen angebotenen und folglich allgemein akzeptierten Ausgleiches sowie im Entgegensehen eines weiterhin erfreulich wohlgeordneten fiktiven Miteinanders verbleibt mit den besten Wünschen zum eventuellen Mittwoch der hoffnungslos bartlose Betroffene.

Danke :) 



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Übrigens müssen sich Kleinanzeigen nicht immer streng langweilig anhören und können dennoch erfolgreich sein ...

 

20er Klapp- Fahrrad, Sachs 2-Gang- DUOMATIC; wozu Bonanza ?

 

(Die Fotos zeigen das arme kleine Fahrrad unmittelbar nach selbstloser Befreiung aus einem dunklen Verließ, wo es etwa 20 Jahre lang von grausamen Unterdrückern gefangen gehalten worden war. Bei Übergabe wird´s pflegetechnisch selbstverständlich etwas getunter aussehen.)

 

Ja, die Überschrift habt Ihr schon richtig gelesen. Eine der schon seltenen original Sachs 2-Gang- Duomatik Schaltungen -- Typ 101 oder 102 mit Rücktrittbremse --  ist drinne. Brauchen ja manche Leute. Für die, die´s nicht wissen, aber brauchen wollen : Ist eine in die Hinterradnabe integrierte Halbautomatik- Rücktritt- Gangschaltung, die ganz einfach per kurzer Rücktrittbetätigung in den jeweils anderen Gang schaltet. Toll, was ? Und diese Endzeit- Rarität ist verbaut worden in einem krass grünen 1974er Klapp-Fahrrad, dem noch der Originalzustand (inklusive Original- Staub) innewohnt. Klar, nicht mehr ganz frisch, das alles, stellenweise leicht rostig zwar, dennoch überdurchschnittlich gut erhalten.

 

So, und nun fragt Ihr Euch sicher schwitzend -- alles geben wollend --, ob ich dafür ein, oder lieber gleich zwei Dahlemer Villen mit Swimmingpool, Doppelgarage plus drei hinterhergeworfen Mercedes 116 dafür haben möchte, nicht wahr ? Doch keine Sorge, ganz so vielgefräßig bin ich nun auch wieder nicht. Ich würde das Teil zwar viel lieber behalten, aber Euch zuliebe, hach, also nur für Euch werde ich vollkommen uneigennützig [blablabla ...] und deshalb dürft Ihr mich gern jederzeit telefonisch untertänigst ersuchen, wohlwollend behufs ansatzweisen Andenkens einer Überdenkung Eures Gesuches mich von meiner 100m²-Veranda in meinen Arbeitssalon zu begeben, um in meiner Großmut zur rechten Zeit meine Bedienstetenschaft eine geflissentliche Antwort wissen zu lassen, die Euch gnädig zeitnah übermittelt werden wird.

 

Bitte wollet auch meine anderen Inserate beachten.

Danke !


 

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„antik“: Regulator / Wanduhr ca. 1930; 

vom staubigen Dachboden direkt in Euer gepflegtes  Wohnzimmer

Die Zeit drängt ! Denn diese Wanduhr ist zwar echt toll – Ziffernblatt und Verglasung intakt, sogar der Gong geht noch -- aber das Uhrwerk tickt nicht richtig; genauer gesagt, es ist um 1980 ein winziges Teilchen aus dem Uhrwerk geflogen, und seither ruht sich die Uhr nichtsnutzig aus. Ausruhen könnt Ihr Euch aber jetzt nicht mehr, nachdem Ihr von diesem Missstand erfahren habt. Eure Pflicht ist es stets, den schwachen und kranken Mitmenschen zu helfen; das gilt analog selbstverständlich auch für des Menschen Gefährten, die Gegenstände. Also alle Aktiendepots abstoßen und von dem Geld diese pflegebedürftige, senioristische Uhr retten. Wann sonst, wenn nicht jetzt ? Wer, wenn nicht Ihr ? Wo, wenn nicht hier ? Und warum nicht, wenn doch ?

 

Schlüssel vorhanden. Ist übrigens ca. 70h x 30b x 15t groß und kann möglicherweise auch innerhalb Berlin-SW geliefert werden.

 

Bitte schaut Euch auch meine anderen Angebote an.

Danke ! 


 

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Canon Foto Kleinbild Kamera mit Blitzlicht : Na toll !

Heute muss ´mal ein kurzer Text reichen.
Fotoapparat : Siehe oben.
Kleinbildformat : Ja.
Technische Daten : Siehe oben, ggfls. bitte selbst anhand der auf den Fotos erkennbaren Bezeichnung recherchieren.
Blitzlicht : Separat zuschaltbar.

Batterien : 2 x Mignon.
Funktioniert : Ja (aber bitte vorher ausprobieren, weil lange nicht benutzt).
Schön : Ja.
Zu verkaufen : Ja.
Teuer : Nein.
Gratis- Zugabe : desolates Stativ.
Nicht im Kaufpreis enthalten : Apple Notebook.
Optional : 24-Monatsvertrag mit monatlicher Grundgebühr in Höhe von 19,99 €; zzgl.Preis je Foto 10,- €. Dieses Angebot gilt nur zusammen mit einer einmaligen Bereitstellungsgebühr in Höhe von 99,- €.
Ich freue mich auf Anruf : Ja.

Postversand : Na gut.
Ich bedanke mich für Euer Interesse : Ja.

Ihr schaut Euch auch meine anderen Inserate an : Vielleicht.


 

Achtung, Sie verlassen jetzt den Sektor dieser Kleinanzeige : 

Ganz schlimm. 


 

[Anmerkung : Der Käufer sprang kurzfristig wieder von seinem Angebot ab (keine Sorge, er hat sich dabei nicht verletzt), weshalb ich das Teil dann doch behalten musste. Also ein besonders großartiger Erfolg war diesem Inserat eher nicht beschieden. Dafür dient die Kam seither recht erfolgreich als schicke Dekoration der von ewiger Finsternis umnachteten Kellerwand.]


 


 

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(2018)

Gedanken zu Antonia Katharina Tessnows Buch "Breakable -- Zerbrechlich" 


Als ich das Buch „Breakable – Zerbrechlich“ in die Hand bekam, ahnte ich nicht, dass es in der Person des Lolly eine Lebenssituation beschrieb, die zu meiner eigenen deutliche Parallelen aufwies. Am Ende des Buches weinte ich um Nicola – und um mich. Ich wollte keinesfalls enden wie ein Lolly, also begann ich, mein Leben selbstkritisch zu hinterfragen und intensiver als je zuvor nach Lösungen zu suchen, wo sie mir bislang noch immer fehlten. Im Ergebnis haben die Autorin und ihr Buch mein Leben nachhaltig verändert, Gott sei Dank rechtzeitig.

Vielleicht können manche meiner Gedankengänge anderen Betroffenen nützen, daher habe ich sie hier aufgeschrieben.

 

Wie kann ein Mann als Lolly enden ? Von außen ist diese Frage nicht nachvollziehbar zu beantworten, zu surreal wirkt seine Lebenssituation auf gesunde erwachsene Menschen. Konsterniert wird mit Erklärungsversuchen ausgeholfen, er habe es wohl aus reiner Bequemlichkeit weder anders gewollt, noch anders verdient.

Doch aus der Perspektive eines Lolly ist seine anomale Lebenssituation nicht derart einfach erklärbar. Sie ist für ihn noch nicht einmal einfach zu erkennen, und wäre sie es, sieht er den Weg hin zu gesunden Lebensverhältnissen unüberwindlich versperrt.

Im vorliegenden Buch tritt Nicola in Lollys Leben, die ihm Offenbarung genug sein könnte, verbunden mit einer zum Greifen nahen Lebensperspektive, die sein bisheriges Dasein in tiefsten Schatten hüllen würde – wenn er dazu bereit wäre. Warum er nicht zugreift, sondern letztlich Nicola vernichtet, kann vielleicht in beispielhaft verallgemeinerter Form besser verstanden werden.

 

Mütter wollen bemuttern; ein Zuhause geben, versorgen, schützen, pflegen, nähren. Das entspricht ihrem naturgemäßen Auftrag, der bis in die Tierwelt hinein Widerhall findet. Nehmen wir beispielsweise eine Mutter, die in ihrer eigenen Kindheit selbst zu wenig bemuttert wurde, weshalb das Leben dieser Mutter gezeichnet sein kann von erheblichen Defiziten bezüglich eines Urvertrauens, Selbstbewusstseins und allgemein der Fähigkeit, das eigene Leben selbst zu versorgen. Folge sind beispielsweise zahlreiche Ängste, eine Unsicherheit überspielende und aus enttäuschter Wut hervortretende Dominanz, dauerhaft finanzielle Schwierigkeiten und letztlich gescheiterte Beziehungsversuche bis hin zu dramatisch gescheiterten Ehen und gesundheitlichen Mangelzuständen. Hat nun eine solche Mutter ein Kind, wird sie sich angesichts düsterer Vergangenheit, unbefriedigender Gegenwart und ungewisser Zukunft an dieses Kind, dem sie eigentlich alles geben wollte, was ihr selbst fehlte, zunehmend derart strohhalmartig klammern, dass sie diesem Kind letztlich alles nimmt, was ihr fehlt.

Aus dem Kind wird irgendwann ein Junge, schließlich ein Mann. Äußerlich. Emotional ist sein in frühester Kindheit durch intensive Zuwendung entstandenes Urvertrauen an seine Mutter gekoppelt, das über Jahrzehnte hinweg Dankbarkeit und Aufopferungsbereitschaft auslösen konnte. In der Schulzeit Seelentröster mit zu wenig Gelegenheit für Freunde und nennenswerte Noten, später universelle Lebensversicherung gegen alle Widrigkeiten des Lebens. Erst Zeit, dann Geld, dann Gesundheit, dann Freiheit. Dieser schleichende Prozess der zu einer regelrechten Versklavung sich zuziehenden Schlinge wird begleitet von einem sektenartig durch die Mutter konstruierten Ausschließlichkeitsanspruch, von Durchhalteparolen mit absoluter Aufopferungsaufforderung, von apokalyptischen Zornesausbrüchen als erpresserischen Bestrafungsritualen im Wechsel mit herzensbrechenden Weinkrämpfen, ergänzt notfalls durch vielfältigste körperliche Krankheitszustände. Alles wird aufgeboten, wenn freundliche Bitten und fadenscheinige Argumente nicht mehr ausreichen, um den Sohn zu motivieren, weitere Teile seines Lebens herzugeben.

Gesunde selbstbewusste Menschen würden solch eine Mutter ganz sachlich in eine psychiatrische Therapie empfehlen. Nicht aber ein Lolly. Die um ihn herum durch seine Mutter aufgebaute Kulisse provoziert unermüdlich sein männliches Verantwortungsgefühl, appelliert in drastischen Worten fortwährend an sein Gewissen und setzt ihn unter Vorgabe immer neuer Berge existentieller Erfordernisse einem dauerhaft aufrechtgehaltenen Druck aus, der möglichst wenig Gelegenheit zur hinterfragenden Besinnung übrig lässt. Diese bewusste oder vielleicht auch teils unbewusste Manipulation durch solch eine Mutter lässt nicht nur funktionierende Lollys entstehen, sie dient als Blaupause der allermeisten funktionierenden Diktaturen der Welt.

 

Ebenso, wie es äußerst gefährlich und schwierig ist, eine Diktatur zu beseitigen, ist es einem Lolly kaum möglich, seinem Dasein zu entrinnen. Es ist allerdings nicht unmöglich, zumindest einfacher, als ein ganzes Volk zu befreien.

Das Problem eines Lolly besteht darin, dem ihn umzingelnden Gefängnis der sein Gewissen unaufhörlich bedrohenden Lebenswirklichkeit seiner Mutter zu entfliehen. Ein Gefängnis, das ursprünglich von ihr als Kindergarten zwecks inniger Behütung errichtet worden war, doch angesichts der Lebenssituation der Mutter zunehmend zum Gefängnis ausgebaut wurde zwecks einer beziehungsersetzenden Behütung der Mutter.

Dieses Gefängnis mag der Sohn an vereinzelten schönen Tagen vielleicht gar nicht als solches wahrnehmen; an anderen wird er es wohlwollend immerhin als goldenen Käfig annehmen können, denn schließlich geht es den Bergwerkskindern in Afrika oder den Bürgerkriegsopfern im Nahen Osten weitaus schlechter als ihm; seine Lebenssituation als Elend anzusehen, entspräche mithin egoistischen Jammern auf hohem Niveau. Dann gibt es jedoch nicht wenige Tage, an denen er sein Leben verflucht, sich wünscht, nie mehr morgens aufwachen zu müssen. Denn in Wahrheit ist dieses Gefängnis eben kein Goldener Käfig, sondern eine bunt verpackte Melkstation umgeben von einsamen Mauern aus Beton, deren Aufseherin – ob bewusst oder unbewusst, mag dahinstehen – keine emotionalen, psychischen oder notfalls physischen Mittel scheut, die gutmütige Kuh auszubeuten, bis sie leer, verbraucht und tot ist. Vampire könnten es kaum besser, nur schlechter verpackt.

Es dauert viele Jahre, bis einem Lolly überhaupt sein wahres Schicksal bewusst wird, falls überhaupt. Und falls es irgendwann tatsächlich in Form einer Erkenntnis an seine Tür klopft, würde die Annahme einer solchen Erkenntnis dringenden Handlungsbedarf erfordern. Seine gesamte Lebensstruktur müsste grundsätzlich verändert werden, und es kann daher sein, dass nicht jeder Betroffene überhaupt die Kraft und den Mut dazu aufbringt. Schließlich gibt es bislang sozusagen freie Kost und Logis bei Muttern, zudem hier und da auch mal geringfügige Freiheiten und Nettigkeiten – es ließe sich auf diese Weise schon eine ganze Weile noch aushalten.

Gewichtiger Gründe bedarf es, diese Lethargie zu überwinden. Ein solcher Grund könnte natürlich eine den Sohn liebende Frau wie Nicola sein, die mit ihm, aber nicht mit seiner ihn dominierenden Mutter zu tun haben möchte, und für die daher aufgestanden werden müsste.

Doch auch sonst lassen sich Gründe finden, sofern sie gefunden werden wollen.

Ein solcher Grund könnte die nüchterne Erkenntnis sein, die notwendige Heilung der psychischen Störungen der Mutter mit jedem weiteren Tag der Schicksalsergebenheit des Sohnes hinauszuzögern bzw. gänzlich zu verhindern. Zudem könnte er einsehen, sich im Laufe der Jahre Verhaltensmuster angeeignet zu haben, die weder seinen (wenigen) sozialen Kontakten noch seiner eigenen Selbstbewusstwerdung dienlich sind.

Oder der Sohn könnte einfach mal eine Bilanz der vielen vergangenen Jahre ziehen. Zahllose Wünsche und Forderungen erfüllte der auf die Verwirklichung seiner eigenen Inspirationen verzichtende Sohn in der Hoffnung darauf, seine Mutter am Ende so weit lebensfähig gemacht zu haben, dass sie ihn nicht mehr brauchen würde. Diese Hoffnung erfüllte sich offenkundig nicht und wird absehbar nie mehr erfüllt werden können; im Gegenteil – mit zunehmendem Alter wird die Mutter noch versorgungsbedürftiger werden als jemals zuvor schon. Tritt aber erst einmal die altersbedingte tatsächliche Pflegebedürftigkeit ein, ist es zu spät für eine Lebenskorrektur, denn wer wird wohl die amtlich anerkannte Pflege übernehmen ? Der Sohn natürlich. Und spätestens mit der amtlichen Anerkennung der Pflegeleistung fallen alle letzten Hemmungen, den Sohn ganz offen unter Vorlage sämtlicher denkbarer Gebrechen Tag und Nacht regelrecht zu tyrannisieren. Wenn er sich zuvor schon im Gefängnis wähnte, wird er fortan in der Hölle wohnen. Jeder weitere Tag im Gefängnis verringert daher die ohnehin schon geringen Erfolgsaussichten einer erfolgreichen Flucht zusehends weiter.

Wer möchte, kann sich auch Grundsätze der Esoterik anschauen, die im Ergebnis durchaus überzeugend genug wären. Denn aus esoterischer Sicht käme als weiterer Grund hinzu, das durch ihr eigenes Unbewusstsein sich stetig anhäufende „negative Karma“ der Mutter werde durch die gut gemeinte Hilfe des Sohnes kontinuierlich aufgehalten, womit er ihr keinen wirklichen Gefallen tut, denn ohne karmische Auswirkung keine Erkenntnis = kein Bewusstseinsfortschritt. Da diese Stagnation jedoch der natürlichen Evolution widerspricht, muss sich die karmische Auswirkung irgendwann andere Wege suchen, notfalls zum Nachteil des im Wege stehenden Sohnes; zudem schafft er sich durch das Bewirken der Stagnation ständig eigenes unvorteilhaftes Karma. Man könnte im gleichen Atemzug als gewichtigen Grund außerdem ansehen, das bestimmungsgemäß mitgegebene geistige wie tatsächliche kreative Potential des Sohnes bedeute – wie für jeden anderen Menschen – eine Verpflichtung, dieses Potential in die ihn umgebende Welt einzubringen, und eben nicht nur der Welt einer einzigen Person, seiner Mutter, zukommen zu lassen. Auch mit dem Vorenthalten dieses Potentials der Welt gegenüber schafft sich der Sohn zusätzlich nachteiliges Karma. Zudem würde die sich in diesem Zusammenhang vorsorglich auftauchende Frage einer eventuellen karmischen Verpflichtung aus irgendwelchen vermeintlich bösen Taten in früheren Leben ausdrücklich zu verneinen sein, denn wenn ein normaler Mensch solche unsichtbaren karmischen Zusammenhänge berücksichtigen sollte, wäre er auch in der Lage, diese sehen. Da er sie aber faktisch nicht sehen kann, soll er sie ganz offenkundig unberücksichtigt lassen und sich mit seinem ganzen Potential voll und ganz dem aktuellen Sein widmen.

 

Gründe jedweder Art gäbe es sicher noch viele weitere, seine verirrte Lebenssituation unverfälscht sachlich anzuerkennen und diese Erkenntnis unverzüglich tatkräftig umzusetzen gegenüber seiner Mutter. Doch selbst dann dürfte ihm der Mut fehlen, seine grundlegende Angst zu überwinden.

Welche Angst ? Extreme Angst vor ihn erschütternden Emotionen der Mutter, mit denen sie ihn bei Bedarf bislang schon immer wieder überschüttete, doch in denen sie ihn angesichts eines Ausbruchsversuches regelrecht zu ertränken versuchen würde. Rein tatsächlich könnte dem Sohn zwar gar nichts passieren, verließe er schlagartig seine Mutter und setzte sich irgendwohin ab. Doch sind die ihm indoktrinierten Schuldkomplexe derart tief verwurzelt, dass er zusätzlich zu den Breitseiten negativer Emotionen seiner Mutter gleichzeitig an einer zweiten Front, nämlich seinem schlechten Gewissen, schwer zu kämpfen hätte. Ein sofortiger Kahlschlag, der faktisch eine Art Todesurteil für seine Mutter wäre, die ohne seine Ressourcen längst nicht mehr voll lebensfähig ist, schiene zwar möglich, brächte ihn aber für den Rest des Lebens um seinen inneren Frieden. Wohin derart massive Selbstzweifel führen können, dürfte naheliegend bekannt sein, nämlich zu Unglücklichsein und infolge psychosomatischer Kettenreaktionen absehbar letztlich zu Krankheit bis hin zum Tod. Letztlich käme dieser Aktionismus des Sohnes einem nutzlosen Pyrrhussieg gleich, denn er hätte sich zwar sein Leben erkämpft, könnte es danach jedoch nicht mehr lebenswert leben. Im Gefängnis nicht länger bleiben wollen, den Ausbruch jedoch nicht lebend überstehen können – diese sackgassenartige Alternativenarmut umgibt die Ratlosigkeit des seine Erkenntnis umsetzen wollenden Sohnes, der sich daraufhin in depressiven Stimmungstälern wiederfindet, die bestenfalls kurzzeitig mal unterbrochen werden durch heroische Selbstermutigungen à la „lieber tot als unfrei“, womit sich die emotionale Grundproblematik gleichwohl nicht wirklich lösen lässt. Wer in dieser Lage glaubt, der Tod sei immerhin eine Lösung, unterliegt einem fatalen Irrtum, soweit die weit verbreitete Lehre der Reinkarnation als nennenswert ernstzunehmen angesehen wird. Denn stirbt der Sohn, bevor er sein Problem gelöst hat, kommt er nicht umhin, es im nächsten Leben erneut angehen zu müssen, weil rein evolutionstechnisch keine Sprosse auf der langen Leiter zur Bewusstwerdung ausgelassen werden kann. Ebensowenig nützt ihm daher, die Zeit auszusitzen, bis seine Mutter endlich gestorben ist, um dann wenigstens den Rest seines Lebens in Freiheit genießen zu können – auch dann bleibt sein Problem ungelöst und erwartet ihn geduldig bei nächster Gelegenheit erneut.

Es gibt also am Ende der Betrachtungen in Wahrheit gar keine andere Möglichkeit, als das Gefängnis verlassen zu müssen, ohne aber von den Wächtern – den inneren und äußeren Emotionen – zerfleischt zu werden. Für einen Lolly ist das nichts Geringeres als die Quadratur des Kreises. Findet er keine Lösung oder keine Hilfe hierzu, wird weiteres Ausharren mehr noch als beim Kahlschlag unglücklich machen, zudem massive Aggressionen fördern, und auch hier infolge psychosomatischer Reaktionen wieder zu Krankheit und Tod führen müssen. Lolly blieb spätestens  an dieser Stelle stehen. Wie viele Betroffene mag es geben, die eben dieses Schicksal teilen. Und wie viele Opfer mag es geben, die unter den projizierenden Ersatzhandlungen der Betroffenen leiden : Ein sicher nicht geringer Anteil der allein in Deutschland jährlich etwa 100.000 Fälle häuslicher Gewalt gegenüber Frauen bis hin zum Femizid – fast jeden Tag stirbt eine Frau durch ihren Beziehungspartner – findet voraussichtlich auch Ursachen in Lebensstrukturen wie der eines Lolly. Allein schon diese äußerst traurigen Statistiken sollten jeden nur halbwegs noch denkfähigen Mann ausreichend veranlassen, seine Frau vor seinem eigenen Aggressionspotential rechtzeitig schützen zu wollen, das mit zunehmender psychischer Stagnation wie eine Zeitbombe darauf lauert, sich irgendwann explosionsartig freizusetzen.

 

Es gibt indes keine Wunderwaffe, mit der er seine übermächtigen Wächter überwältigen könnte, um dem emotionalen Gefängnis seiner Mutter sicher zu entkommen.

Wenn es ein Mittel gibt, dann fern abseits aller Emotionen, denn nur auf dem Feld der Emotionen führen die gewaltigen Kräfte der Angst ihre Übermacht.

 

Eine Möglichkeit könnten rein versachlichte Gedankenketten sein, die sämtliche Emotionen unberücksichtigt lassen oder zumindest ein gleichwertiges Gegengewicht dazu schaffen. Die bisher schon gefundenen Gründe, die eigene Lethargie zu überwinden, reichen hierfür jedenfalls noch nicht aus.

Es ist zwar längst unmöglich geworden, mit der über die Jahre in felsenfest geschlossenen Argumentationszirkeln agierenden Mutter jedwede sachliche Gespräche zu führen, die elementare Selbstkritik oder eine einverständliche Entlassung des Sohnes in seine naturgegebene Freiheit zum Inhalt haben. Deshalb kann der normalerweise naheliegende Weg einer sachlichen Diskussion von vornherein verworfen werden.

Möglich bleibt aber, tagtäglich jede einzelne vom Sohn abgeforderte Leistung sachlich zu analysieren und abzuwägen im Hinblick auf ihre objektive Notwendigkeit.

Diese Notwendigkeit orientiert sich an dem tatsächlichen Überlebensbedarf der Mutter. Dabei wird oft genug festgestellt werden, dass die Leistung gar nicht diesen Bedarf deckt, sondern eine darüber hinausgehende Anspruchshaltung der Mutter (Stichwort : frisches Brot wegwerfender Bettler). Entfällt die Notwendigkeit, entfällt damit schon unmittelbar die Verpflichtung zur Leistung, die daher abzulehnen ist. Es kann auch sein, dass die Begründung der abgeforderten Leistung zwar als tatsächlich zutreffend anerkannt wird, doch ein für den Sohn viel effektiverer Weg zum selben oder vergleichbaren Ergebnis führt. Dann tritt an die Stelle einer Ablehnung die Bestimmung des effektiveren Weges.

Sollte die sachliche Analyse ergeben, dass die Leistung oder der Weg zum Ergebnis tatsächlich erforderlich sind, kommt dringend als weitere wichtige Komponente eine sachliche Abwägung hinzu. Diese Abwägung folgt schlicht und ergreifend dem schon biblischen Prinzip des „Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst“. Entscheidend ist hier das Wort „wie“. Nicht der Andere (die Mutter) darf von mir mehr geliebt werden, als ich von mir selbst. Mit anderen Worten, solange nicht meine eigenen sachlichen, emotionalen und geistigen Grundbedürfnisse zu 100 % gedeckt sind, darf ich nicht ein einziges Prozent weggeben, sonst handle ich ungerecht mir selbst gegenüber. Damit ist kein uferloser Egoismus gemeint, sondern die sachliche Betrachtung, wieviel ich brauche, um glücklich zu leben. Nicht gerade noch ausreichend zufrieden, sondern wirklich glücklich. Erst wenn ich glücklich bin, habe ich die Fähigkeit, Glück zu verschenken, ohne mein eigenes Glück zu schmälern. Alles was ich zuvor vergebe, nehme ich mir selbst und schadet mir folglich. Das mag insoweit noch unschädlich bleiben, als es verhältnismäßig geringe Werte betrifft, doch jedenfalls dann wirkt es sich schädlich aus, wenn sich dadurch meine Möglichkeit, glücklich zu werden, substantiell verringert. Schenkt beispielsweise ein mittelmäßig zufriedener Berufstätiger einem Bettler 5,- €, so tangiert dieser Wert seinen Weg zum Glück nahezu gar nicht. Verschenkt hingegen ein unzufriedener Bettler seine einzige Decke, so ist sein Weg zum Glück noch deutlich weiter geworden, als ohnehin schon. Zum Glücklichsein bedarf es jedenfalls keiner Konsumorgien oder vierteljährlicher Strandurlaube, sondern einer Lebenssituation, in der ich meine eigenen Lebensideale verwirklichen kann. Das bedeutet Zeit, Geld, Gesundheit, Freiheit im dafür notwendigen Maße. Um dieses rechte Maß etwas leichter zu ermitteln, kann zum Beispiel das sogenannte Übermaßverbot aus dem Bereich des Öffentlichen Rechts dienen. Das Handeln einer Behörde genauso wie das Handeln eines Täters in Notwehr darf immer nur vom mildesten zum schärfsten Mittel nehmen, was gerade notwendig und erforderlich ist, um ein Ergebnis zu erreichen bzw. eine Gefahr abzuwehren. Nicht weniger, aber auch nicht mehr. Genügt eine Geschwindigkeitsbeschränkung, muss nicht gleich die ganze Straße gesperrt werden. Genügt eine Ohrfeige, muss nicht gleich geschossen werden. Zusammengefasst bezogen auf die Selbstliebe also : So viel wie nötig, aber nicht so viel wie möglich tun bzw. unterlassen, was mich glücklich macht. Berücksichtigt der Sohn diesen Grundsatz nun im Rahmen der sachlichen Abwägung, wird er feststellen, dass die meisten der als tatsächlich erforderlich anzuerkennenden Leistungsabforderungen seiner Mutter dennoch zu verweigern sind, weil sie den Abstand auf seinem Weg zum Glücklichsein zu substantiell weiter vergrößern würden.

Nach dieser umfassenden sachlichen Analyse und Abwägung, die zu jedem Anlass immer wieder neu erforderlich sein wird, ist dann der Mut erforderlich, eine Ablehnung oder einen effektiveren Weg der Mutter gegenüber zu erklären. Der Mut kann sich neuerdings immerhin auf objektive Fakten und eine sorgfältige Abwägung  stützen, die seitens der Mutter mit sachlichen Argumenten gar nicht erschüttert werden können. Der Sohn kann also auf sachlichem Niveau nur gewinnen, solange er sich unbeirrt nur auf diese Ebene konzentriert und nicht herunterziehen lässt auf die emotionale Ebene der Mutter. Das ist etwas ähnlich der Zerstörung Sodoms, zu der sich die Fliehenden nicht umschauen durften, um nicht zur Salzsäule zu erstarren. Oder wie im Endkampf zwischen Luke Skywalker und seinem Vater, der ihn ermunterte, seinen Emotionen freien Lauf zu lassen – wissend, dass Luke damit verlieren würde.

In diesem Bewusstsein verwendet der Sohn möglichst wenige Worte und bleibt abgesehen von normaler Freundlichkeit vollkommen sachlich ohne erkennbare Emotion, um möglichst relativ wenige negative Emotionen der Mutter auszulösen. Hilfreich kann anfangs sein, der Mutter die Worte nur zu schreiben, und Gesprächen darüber möglichst auszuweichen; im Vorteil ist hier natürlich, wessen Mutter sowieso schwerhörig ist.

Da es sich „nur“ um die Verweigerung einer einzelnen Leistung und nicht die komplette Flucht aus dem Dasein im Gefängnis handelt, ist der Sohn noch nicht mit dem komplett verfügbaren Emotionsarsenal der Mutter konfrontiert, weshalb die Überlebenswahrscheinlichkeit deutlich größer ist, als bei einer Flucht. Zunächst sollten nur kleine Leistungen oder Wege zum Ergebnis abgelehnt werden, um keine allgemeine Alarmstimmung aufkommen zu lassen, und um sich bei diesen Gelegenheiten trotz aller emotional dramatisierender Vorwürfe als emotionslos sachlich begründenden Verweigerer zu erfahren. Mit zunehmenden Erfahrungswerten können ganz allmählich auch die größeren Ansprüche immer erfolgreicher abgewehrt werden. Eine Verweigerung muss übrigens nicht gleich sofort nach Abforderung erfolgen, falls die eigene gedankliche Analyse länger dauert, es kann stattdessen im Nachhinein Kritik geäußert und die Leistung für die Zukunft ausgeschlossen werden. Sehr wichtig ist, dauerhaft konsequent und wachsam zu bleiben, denn die Mutter wird bald darauf das gleiche Anliegen immer wieder anders verpackt neu vortragen, zumeist wirklich penetrant. Bis sie merkt, dass es nicht mehr funktioniert.

Es wird gar nicht so lange dauern, bis die Mutter bemerkt, dass hier ein Bewusstseinswandel des Sohnes im Gange ist, weshalb sie ihn in drastischen Worten emotional konfrontieren wird mit Vorwürfen, er sei neuerdings so egoistisch und herzlos geworden und solle sich besser rückbesinnen, ehe schlimme Lebensereignisse und Krankheiten ihn zur Rückkehr in soziale Grundtugenden bewegen würden. Diese Vorwürfe müssen OHNE weitere Betrachtung in den inneren SPAM- Ordner verschoben werden, denn sie stimmen zu 100 % nicht, auch wenn sie sich echt anhören. Das darf ich an dieser Stelle ausnahmsweise ohne raumfüllende Erklärung persönlich versichern. Je mehr der Sohn solche Vorwürfe ernsthaft mit seinem verunsicherten Herzen emotional betrachtet, desto größer die Wahrscheinlichkeit, von den angedrohten Lebensereignissen und Krankheiten tatsächlich heimgesucht zu werden. Aber eben NUR dann.

 

Nach und nach wird der Sohn auf diese Weise die Grenzziehung zwischen seinem Leben und dem der Mutter korrigieren können. Dehnte sich die Grenze ihres Lebens aus auf mindestens 90 % seines Lebens – kam also einer territorialen Besetzung gleich –, wird diese Grenze kontinuierlich zurückgeschoben an ihren naturgegebenen Ort. Es ist sehr mühsam, jeden Tag mehrfach erneut Grenzkorrekturen nach sachlicher Analyse und Abwägung vorzunehmen, aber es funktioniert. Das einst zusammengeschweißte Verhältnis zwischen den beiden reduziert sich zu einem freundlichen Kontakt mit gelegentlichen Ausnahmen einer Hilfestellung.

Eines gar nicht fernen Tages erkennt sich der Sohn schließlich erstaunt außerhalb des Gefängnisses, ohne dessen Mauern jemals eingerissen und von den Wächtern tödlich zerfleischt worden zu sein. Und dann wird auch seine Mutter Gelegenheit erhalten, angesichts der aufgelösten widernatürlichen Illusion des endlos verfügbaren Sohnes ihre Selbstheilungskräfte zu reaktivieren und sich zu erinnern, sich selbst zu helfen.

 

                                         

Freiheit für beide ist möglich. Es liegt am Sohn, diese Freiheit zu realisieren. Und es liegt am Sohn, seiner Frau einen freien Mann zu schenken. Diesen Erfolg wünsche ich allen Lollys dieser Welt.