n e w s

        


 

Diese Website ist kein Auffanglager für fabrikartig hergestellte Buchstabenfolgen. Daher wird sich an dieser Stelle nicht oft etwas Neues einfinden. Neue Texte oder ähnliche Basteleien erscheinen vielleicht alle sechs Monate mal.


 

Die meisten längeren Texte sind übrigens versehen mit einer in Klammern gesetzten Jahreszahl der jeweiligen Endfassung, um einen Aktualitäts- Zusammenhang herstellen zu können, falls Ihr das toll findet.

 

 


23.12.2016


Breitscheidplatz 11 Stunden später

Passende Worte zum Massaker auf unserem Breitscheidplatz finde ich nicht. Längst abgenutzt alle Phrasen, die von Gedanken und Gedenken berichten wollen. Sie verhallen allmählich ungehört wirkungslos im großen verschatteten Raum allgemeiner Verunsicherung.

Für die aus dem Leben geschiedenen Opfer kommt unsere Sorge zu spät, findet unsere Anteilnahme keine Ansprechpartner mehr. Doch wie es wohl jenen Menschen ergangen sein mag, die körperlich überlebt haben, sich innerlich jedoch dem Tode verbundener fühlen als dem Leben, lässt sich zumindest nachempfinden.


"Blau. Violett. Schwarz. Das ist alles. Mehr gibt es nicht. Nicht mehr. Als Katja von uns ein Selfie machte mit dem Turm der Gedächtniskirche im Hintergrund, lachten wir unaufhörlich, weil es so kompliziert schien, die gelb leuchtende Uhr draufzubekommen. Wir schafften es schließlich unter seltsamen Verrenkungen, indem wir das Smartphone fast auf Bodenhöhe schräg nach oben blickend hielten. Das Knipsgeräusch konnten wir bei dem allgegenwärtigen Lärm gar nicht hören, also drückte sie einfach so oft, bis wir uns ganz sicher waren. Überall dieser Geräuschpegel von lauten Gesprächen, grellen Weihnachtsliedern, brausenden Autos und dann klirrenden Flaschen. Irgendwo musste ein Idiot was Schweres fallengelassen haben, was krachend zu Boden ging. Dann schrien irgendwelche Leute wild herum, die sich mal wieder stritten. Oder schon schlugen. Die Atmosphäre war nicht mehr so ausgelassen wie vorhin, eher kippte sie schon. Die Schatten veränderten sich schlagartig, wahrscheinlich weil einige Leute irgendeinen Dieb verfolgten. Sie rannten an uns vorbei, Katja blickte genervt hinter uns und schrie jetzt auch. Ich folgte solidarisch ihren Blicken und sah eine schwarz-silberne Wand direkt hinter uns. Sie röhrte wie ein Untier aus einem Phantasystreifen. Ein roter feuerspeiender Greifvogel war in der Mitte dieser Wand platziert. Die Wand schob Hitze vor sich her und jetzt auch uns. Sie blieb nicht stehen, sondern beeilte sich, uns mitzunehmen, sich über uns zu setzen, während sie versuchte, links und rechts von uns mitzunehmen, was herumstand und davonlief. Wir rannten. Ich hielt Katjas Hand ganz fest, als sich ein Holzbalken in meine Jacke bohrte und mich ruckartig stoppte. Die schroffe Ecke der Wand schob mich gegen das Holzhaus und zerquetschte meinen linken Arm, der noch immer ihre Hand hielt. Ich hätte ihre Hand nicht festhalten dürfen. Sie geriet unter die Ecke, unter die unterste Trittstufe, unter den ersten großen Reifen dieser seelenlosen Maschine, bevor sie weiterrennen, weiterstolpern konnte. Inmitten der allgegenwärtigen Geschreikulisse sah ich im flackernden Halbdunkel den Reifen auf- und niedergehen, hörte ein dumpfes Knacken, sah kaum noch etwas inmitten der vielen dunklen Felder, inmitten der beissend stinkenden Dieselqualmwolke, sah hindurch das nächste Rad über den Ort rollen, der schon vom ersten Reifen geplättet worden war, hörte nichts mehr, nicht mal mehr meine eigenen Schreie, sah nur noch dahin, … wo … Katja war. Kartons, Bretter und Kabel fielen auf ihre Kleidung, unter der sie noch immer sein musste. Die nächsten drei Räder rollten knapp an dem unkenntlichen Haufen vorbei, und gaben schließlich der Festbeleuchtung Gelegenheit, das Werk der schwarzen Wand zu erblicken. Meine linke Hand ignorierte jeden Befehl, meine rechte riss alles beiseite, was Katja wehtun könnte. Ich suchte ihr Gesicht. Und fand es nicht. Ich erkannte den oberen Teil ihres zerrissenen weißen Mantels. Ich hatte anzuerkennen, dass das, was sich darüber befand, ihr Gesicht … gewesen sein musste. Schwarz umrahmt, blau und violett schimmernd, einem Rinnsal roter Flüssigkeit sich öffnend, einer grauen wabernden Masse Austritt gewährend. Luftbläschen fanden sich darin, kleine zarte Dampfschwaden stiegen auf in die klirrende Kälte. Ich kniete und starrte. Egal warum, egal was war oder sein würde – aber vor mir lag der Rest eines Menschen. Des EINEN Menschen. Es gab nur diesen einen lieben, bewundernswerten, herzlichen, intelligenten, schönen, tapferen, humorvollen, sympathischen, selbstlosen Menschen. Und jetzt gab es ihn nicht mehr. Ausgelöschtes Licht, entrückt in unendliche Ferne. Das konnte doch gar nicht sein. Uns umgaben allmählich andere Leute, die mich in eine von diesen dünnen silbergoldenen Rettungsdecken hüllten und Katja mit einer anderen solchen Decke … zudeckten. Blau reflektierte alles, ich wurde irgendwas gefragt, mir wurde irgendwas gesagt, ich wurde irgendwohin getragen. Katja sollte mitkommen, aber Katja wurde nicht weggetragen, auch dann nicht, als sich die Tür eines grell weiß erleuchteten Raumes zwischen uns schloss. Irgendwohin wurde ich gefahren, irgendwas wurde mit mir gemacht, irgendwann wachte ich auf und überlegte … und hörte nicht mehr auf zu schreien, bis ich einen stechenden Schmerz spürte, bis alles dunkler wurde, dunkler, erst blau, dann violett, dann schwarz. Hoffentlich für immer.

Heute scheint die liebe Sonne. Sie scheint mir zu hell. Ich hoffe, sie weiß, wo Katja jetzt ist. Und ich hoffe, ich darf sie eines Tages wiedersehen. Möglichst bald. Am besten sofort.

Es ist so dunkel."

 

 

 

 

am nächsten Morgen



 




13.08.2016


 

mystic architecture

Heute ist der 13. August. Damals begann sich völlig unbeabsichtigt, eine Mauer durch unser Land zu bauen, die -- aus der Perspektive des Milliarden Jahre alten Universums -- kurz darauf wieder abgerissen wurde. Trotzdem brachen weitere Kriege aus, Hochhäuser stürzten ein, Seuchen griffen um sich, Milizen der Finsternis metzelten fließbandartig alle nicht ihrer dämonischen Gottheit huldigenden Opfer gewissenhaft nieder, verzweifelte Menschen aus im Chaos versinkenden Regionen schwammen, fuhren, liefen, flogen -- flohen an und über die Grenzen wohlständiger Gebiete dieses Planeten, während der Menschheit im Kampf mit ihrem naturfeindlichen Weltbild einer genußverpflichteten Ökonomie die Zeit bis zum Meltdown unaufhaltsam zu entrinnen im Begriff war. 

Und vorgestern erhielt ich eine Einladung für einen High-Class-Nitelife-Event-Location-Club in der Fasanenstraße nahe dem Bahnhof Zoo. 

Charlottenburg low budget :(

Ja, eben jener, DER Zoo, volksmundlich nicht weiter abkürzbar. Dieser nicht unbedingt sparsam beleuchtete Ort entwickelte sich im Laufe der letzten Jahrzehnte von einer Spielwiese drogenabhängiger minderjähriger Mädels ohne Obdach wie Christiane F. hin zu einer Liegewiese zahlreicher Menschen aller Altersklassen aus allen Berliner Stadtteilen wie auch zahlreicher Länder dieses Planeten. Die meisten von ihnen liegen oder stehen bei der Stadtmission an, um Leckerlis abzuholen, doch nicht wenige legen sich vor und nach den Mahlzeiten auf eine der Müllmatratzen, die es gleich um die Ecke unter den Bahnbrücken gibt; einem großen Freiluft- Aufenthaltsraum mitten auf dem Gehweg neben der Fahrbahn, wo Tag und Nacht geschlafen, nicht elektronisch gechattet und real dahingedämmert wird.

Weil mir mein Wohnungsflur zu dämmerig erschien, schaltete ich ausnahmsweise trotz aller Sparsamkeit, um die mich Dagobert Duck kostenlos beneiden würde, die rostig- orange Deckenlampe von 1974 ein. Mein Spiegelbild ließ dennoch keinen Zweifel : Dort stand nicht etwa Lamborghini- Klaus oder Mr. Rosebudd, seines Zeichens Zuhälter, nein, -- dort stand ich selbst. Umhüllt von einem dunklen langen Angora Schurwolle- Mantel, den ich in Ermangelung meiner schon vor Jahren als nutzlos dem Altkleider- Container anvertrauten Jackets sowie des coolen, aber ebenso nutzlosen Columbo- Trenchcoats alternativlos anzuziehen hatte. Einen Wollmantel Im August. Darunter das einzige weiße Knopf- Hemd meiner Wohnung, sozusagen eine Rarität ersten Ranges, gleichwohl ohne jeden Sammlerwert. Die mühsam entstaubten schwarzen Glattleder- Schuhe nicht zu vergessen, deren Kratzer ich mit einer undefinierbaren Masse aus einer wiedergefundenen Collonil- Tube provisorisch auszubessern mich bemühte, ehe ich schlichtweg auf die abendliche Dunkelheit zu setzen hatte. Zusammen mit der nicht auf den ersten Blick als second- hand zu entlarvenden schwarzen Jeanshose ergab sich ein aus meiner Sicht bestürzendes Bild der Entfremdung. 

steglitz sunset

Derart verkleidet begab ich mich zum Einsatzort. In Unkenntnis des sicher betont geheimnisvollen Begrüßungsrituals für Insider bei Ankunft am oberhalb eines auf breiten Stufen hinabführenden seichten blau illuminierten Wasserfalls angesiedelten Erstaufnahme-Zelt gab ich vorsichtshalber lediglich meinen Namen an. Einer der von gut gebildeten Security- Experten bewachten Rezeptionisten schaute in eine Datei auf seinem Smartphone, das nur wenige Jahre jünger zu sein schien als er. Schließlich gab er seiner sogar noch jugendlicher wirkenden Assistentin den Hinweis, mich doch bitte dem VIP- Bereich zuzuordnen. Ausgestattet mit dem farblosen Druck eines irgendwie unpassend primitiven Holzstempels folgte ich den gewandten Schritten meiner modelartigen Begleiterin und wurde schließlich zu einem modernistischen Ensemble flacher weißer Kunststoff- Tische und relativ unbequemer weil sparsam konstruierter Design- Hocker geführt. Mich bedankend, wurde ich sogleich von ArbeitskollegInnen umarmend begrüßt, die ich im Halbdunkel erst mühsam wiederkennen musste, allzusehr hatte mich deren wahrlich elegantes Erscheinungsbild abgelenkt. Und es kam, wie es kommen musste. Ich hatte nur wenige Minuten Zeit, meine neue Umgebung in Augenschein zu nehmen, denn schließlich war ich ohnehin viel zu spät dran gewesen. Nein, anstelle behutsamer Versuche einer Gewöhnung an verschwenderisch übermäßigen Schalldruck und sich wohl an meinem eigenen Beispiel der Sparsamkeit orientierte Lichtverhältnisse wurde ich verschleppt auf eine sogenannte Tanzfläche, die sich jenseits der Bar am Ende eines tunnelartigen Durchganges eröffnete. 

club I

Ungefähr 250 sichtbar bewegte Personen besetzten diese Fläche von der bescheidenen Größe eines 60er Jahre Supermarktes. Nicht vorbei an unzählbar vielen rhythmisch umherschwankenden Körpern, sondern mitten durch sie hindurch bahnten wir uns unter Aufbietung aller körperlich- emotionaler Kräfte etwa 15 Minuten lang einen wenige Zentimeter und insgesamt immerhin sogar 10 Meter langen schmalen Pfad auf Füßen, die weder im Dunkeln noch innerhalb der Zahllosigkeit anderer Füße wiederzufinden waren. Irgendwo in einer zentralen Region im Herzen des undurchdringlich tanzenden Dschungels machte unsere Expedition schließlich erschöpft Rast und verbrachte dort eingeschlossenermaßen eine ganze Weile, während wir weder unser gegenseitig direkt in die Ohren getrichtertes Geschrei verstehen konnten, noch uns mangels verfügbaren seitlichen Bewegungsspielraumes mit Händen und Füßen verständigen konnten. Ich solle einfach mitmachen, schien die an mich gerichtete Message gewesen zu sein. Nicht tanzen könnend und dies zuvor rechtsverbindlich bekanntgegeben, schaute ich also, was mir vorgemacht wurde. Die mir gewährten Beispiele ahmte ich mühsam unbeholfen nach. Sich loslassen und einfach in den Klang hineinfallen zu sollen war das Idealbild, dem ich schon allein deswegen nicht folgen konnte, weil dieser Klang meine Ohren zu fortwährender Meuterei veranlasste. Nur durch ein strenges Regime gelang mir, meinen auriblen Aufstand niederzuschlagen. Die techniküberladene Decke des flachen Saales mit ihren unsichtbaren, dennoch unüberhörbaren Lautsprechern war nicht weit entfernt, und die knallharten Beats auf Zwei und Vier zerschellten in meinen Gehörgängen wie Autos an Betonwänden. Umarmend, Sirtaki zu vom DJ gemixtem hardcore RnB tanzend, Bierflaschen schwenkend, Arme wedelnd, schunkelnd, sich abklopfend, Tangospiralen mit fremden Leuten gemeinsam drehend, wilde Steinzeitlaute von sich gröhlend; und mittendrin -- ich mit einem leeren Orangensaftglas. Ja, dachte ich, so muss es damals ausgesehen haben zu zeiten Sodoms und Gomorrhas. Mich dem übermächtigen Generalangriff auf mein geistiges Oberhaupt dennoch ergebend, ertappte ich mich bald dabei mitzusingen, so laut ich nur konnte : "Willst Du mit mir Drogen nehmen ?" Irgendwann kamen auch noch "Girls just wanna have fun" und thematisch eigentlich unpassenderweise der "Son of a preacherman" dran; selbstredend in zeitgemäß getunten Clubversionen. Es dauerte aber nicht lange, bis ich meine Stimme schon deswegen nicht mehr hören konnte, weil sie nicht mehr da war. Schreien war mir schon immer fremd gewesen, und an jenem Abend vermochte die bizarre Exotik schöner Körper inmitten einer lebensfeindlichen Umgebung neben der rein physischen Beanspruchung in relativ kurzer Zeit, mir zwar nicht meinen Verstand, immerhin doch meine Sprache zu rauben. Ich entschied mich schweißgebadet mit letzter Kraft, einen Ausfall zu unternehmen und machte mich auf den Weg in die Himmelsrichtung des vermuteten Fluchttunnels, durch den wir einst gekommen waren. Weil es mir aus strategischen Gründen aussichtsreicher erschien und weniger körperliche Verluste versprach, wandte ich mich in raffinierter Taktik doch zunächst dorthin, wo sich der weniger dicht besiedelte Rand der Tanzfläche befinden musste. Von dort aus sollte es einfacher sein, mir den Weg zum Tunnel freizubaggern. Mehr als 30 Entschuldigungen und Sorrys später erreichte ich alsbald einen Ort, der meinem Vorhaben günstig gelegen zu sein schien. Zwischen mehreren Schönheiten und einer gläsernen Barriere sollte meinen komplexen Berechnungen zufolge möglich sein, einen Durchbruchsversuch entlang des Glases erfolgreich zu bestehen. Plötzlich ergriff mich eine dieser Schönheiten energisch und zog mich von der Barriere weg. Wollte auch sie mich verschleppen, etwa zurück in die unbarmherzige Zentralregion ? Zugegeben, gemeinsam mit ihr wäre es mir plötzlich ganz leicht gefallen. Aber nein, sie wollte nur ihr auf dem Boden abgestelltes strohalmhaltiges Glas vor mir schützen, das ich selbst bei näherem Hinsehen im 90%igen Dunkel kaum mehr erahnen, geschweige denn dessen Inhalt entziffern konnte. Fast schon bedauernd, riss ich mich dennoch zusammen und rief mir das Ziel meiner Mission erneut vor Augen : "We gotta get out of this place !" Es dauerte nur drei Minuten -- umgerechnet zwei Meter --, bis meine Augen anerkennen mussten, die falsche Richtung gewählt zu haben. Also kehrte ich um und nahm mir vor, nunmehr weitaus rücksichtloser vorgehen zu wollen, um nicht erst relativ tot mein Ziel zu erreichen. So bahnte ich mir rigoros meinen Weg entlang der Glasbarriere -- und wurde erneut fortgerissen von der Schönheit. Diesmal verfluchte sie mich, denn ich hatte ihren Undercover- Drink tatsächlich verschüttet. Inmitten der roten und blauen Blitze, die die Myriaden feinster Leuchtfäden von der Decke herabregnen ließen, wähnte ich mein Ende vorzeitig gekommen. 

club II

Da erschien mein Lebensretter, ein unspektakulärer dicker Mann mit platzend engem Hemd. "Ich hol was neues," kicherte er und entließ mich. Das ließ ich mir nicht zweimal sagen und wagte nunmehr den allerdirektesten Fluchtweg mitten durch den ekstatisch aufgeheizten Dschungel der tanzenden Besinnungslosigkeit. In Gesichter blickend, die mich verstört, fassungslos, entrückt, betäubt, fasziniert, suchend, wehklagend anschauten, an Kleidungsstücken vorbeigleitend, die alle zusammen ein mehrfaches der Jahresmiete für meine Wohnung gekostet haben dürften. Den Tunnel in Sichtweite, beschleunigten sich meine nur handbreitgroßen Schritte noch einmal. Dort standen vornehmlich Männer gestandenen Alters und jeder gehobenen Preisklasse, wohl auf Anträge oder Geschäfte aller Art wartend. Heiraten wollte ich sie jetzt trotzdem nicht. Der Tunnel, der Tunnel, der TUNNEL -- ihn erreichte ich schon vor Morgengrauen. Entlanghechtend durcheilte ich ihn, selbstverständlich darauf bedacht, nicht eilig zu wirken. Die Lounge, sie gewährte mir Zuflucht und ein bis vor kurzem unbekanntes Maß reduzierter Lautstärke. Allmählich trafen meine Kameraden ein, die ich bislang nur als ArbeitskollegInnen angesehen hatte. Da Gespräche aller Art angesichts der auch hier noch überdimensionalen Beschallung ohnehin nicht möglich waren, beließ ich es bei meinem lautstarken Glückwunsch dem Argentinier gegenüber, der meine hübsche Kollegin geheiratet hatte und deren Abschied Anlass der heutigen Einladung gewesen war. "Take care of her -- she has a good heart !" Die Botschaft schien angekommen zu sein. So verabschiedete auch ich mich dankbar und freundlich, um den Rückzug in die Stille antreten zu können. 

club III

Draussen plätscherte dem Anschein nach das Wasser noch immer über die Stufen, soweit meine rauschenden Ohren es erahnen ließen.

Draussen fragte mich ein bärtiger Einkaufstütenträger obdachlosen Erscheinungsbildes, ob ich ihm ein paar Cents geben könne.

Draussen wurde mir gewahr, wie kostbar normaler Straßenlärm sein kann.

Und draussen konnte ich zumindest ansatzweise nachempfinden, wie sich wohl die Tunnelbauer gefühlt haben mussten, die damals die Mauer erfolgreich untergruben. Damals, als es noch keine Clubs und keine Elektronik gab. Just handmade. Damals, als unsere Stadt noch in Lebensgefahr war. 

Früher war nicht alles besser als heute.


 

unser Baustellenhund :)
unser Baustellenhund  :)



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14.02.1996 ... ähm 2016 !!


 

Wie komme ich denn plötzlich auf 1996 ?! Wahrscheinlich bin ich einfach zu langsam für die Zeit, ständig überholt sie mich ...

Kürzlich hat mich ja schon die Bundeskanzlerin in Pankow überholt,

Angelas Audi :)

hartnäckig verfolgt von rasanten Personenschützern.

Angelas Audi von hinten :))

Sie tat mir fast leid, so ganz verloren in der großen geräumigen gepanzerten Limousine, einzig ein junggebliebener Chauffeur leistete ihr Gesellschaft, doch sie hatte ohnehin keine Augen für ihn, sondern widmete ihre ganze Aufmerksamkeit irgendeinem Etwas, das sich in Höhe der Vordersitzlehnenunterkante befunden haben musste. Vielleicht ihr abhörbares Handy, oder eine eXXXtrem geheime Akte; -- vielleicht aber war sie einfach nur vor Erschöpfung eingenickt.


 

Eingenickt war übrigens auch der Typ, den ich auf dem Weg zur Weihnachtsfeier in der Kantstraße herumliegen anzusehen hatte.

zu müde zum sterben

Tot war er nicht, das verriet mir sein grunzendes Geschnarche, aber Ihr könnt Euch vorstellen, wie mir das Weihnachtsgelage so gar nicht mehr schmecken wollte. 

Manche Leute überholen sich selbst, indem sie sich betrinken, bevor sie klar denken können. Auch wenn es gefühltermaßen schon angesichts der wenig erfreulichen weltpolitischen Lage immer mehr solcher bedauernswerten Menschen zu geben scheint, werde ich mich nie an ihren Anblick gewöhnen können.


Sehr klar denken konnte hingegen meine betont aufmerksame Fahrschülerin gestern Vormittag. Ja, in der Fahrschule bin ich noch immer stundenweise tätig, aber nur noch als Hobby (gibt es eigentlich ein echtes deutsches Wort für diesen vollends eingedeutschten Ausdruck ? Vermutlich "Steckenpferd" oder so ... naja, äähm -- darauf kann ich dann doch gern verzichten ... :D ). Weil sie nun unbedingt gemeinsam mit ihrem Freund nach Österreich fahren will, und er immer tendenziell um die 200 km/h fährt, wollte sie es wenigstens genauso gut können. Also gut, dachte ich mir, ist nicht mein Ding, aber wenn sie es schaffen sollte -- ok, mal ausprobieren. So, und nun soll mal einer sagen, Frauen könnten nicht autofahren; wir haben immerhin sogar ´nen uralten 911er abgehängt :

189km/h Fahrschul- Express

Manch bestürzte Blicke von überholten FahrerInnen waren recht amüsant. Das erste Mal, dass ich fast traurig war über die Drehzahlbegrenzung.

Überholen kann Spaß machen. Bis ein Reifen platzt, womit ich u.a. den FahrschülerInnen immer wieder den Sinn der Autobahnrichtgeschwindigkeitsverordnung (-> 130 km/h) erkläre. Nicht alles, was man tun KANN, sollte man auch tatsächlich umsetzen. 

Dahingehend mag jeder von uns sein Verhalten immer wieder selbstkritisch überdenken und sich von objektiv längst überholten Rollenbildern oder Leistungsvorbildern befreien. 

Wenn die Welt endlich mal aufhört, wettkampfartig herumzurennen, werden auch Typen wie der in der Kantstraße nicht mehr abgehängt.


 

 


 



28.08.2015


 

"Wir würden uns freuen, Sie für unser Unternehmen gewinnen zu können !" -- Mit dieser unerwartet edlen Wortwahl beendete mein zukünftiger Arbeitgeber meine sogenannte Karriere als Fahrlehrer.

Vorbei die Zeit, auf Minuten zu achten, auf im Wortsinne "Augen- Blicke" der Fahrschüler, auf sich im Zeitraffer anbahnende Unglücke. Ich werde meine lieben FahrschülerInnen wirklich vermissen, ja. Andererseits bin ich nun entronnen der Zeit latenter Lebensgefahr und potentieller Haftungsrisiken; auch bürokratische Winkelzüge und zahllose (!) unbezahlte Nebenarbeiten kann ich endlich getrost zu den Akten legen.


 

Gestern früh sitze ich in einem gutbürgerlichen Wilmersdorfer Park und warte 20 Minuten lang auf meine verspäteten Kollegen. Gut bezahltes Nichtstun mitten im grünen Sonnenschein -- eine ganz neue Erfahrung in meinem Leben. Während ich auf meiner unpassend ungepflegten Bank versuche, nichts zu tun, bemerke ich, dass es sogar noch andere Menschen außer mir gibt. Sie sind hier, mit mir, -- mitten im Park. Sie rennen. Nein, nicht zur Arbeit, sondern ... ähm ... ja, wohin eigentlich ? Es scheinen ausschließlich wohlverdiente Leute zu sein, die ihr scheinbares -- zugegeben, mitunter tatsächliches -- Übergewicht abarbeiten wollen; die vielleicht eher versuchen, davor zu flüchten. Morgens um 9 flüchten die und sehen dabei hochentspannt aus. Sie flüchten und wirken dabei so seltsam siegesgewiss; so berauscht von ihrer mit jedem Schritt zunehmenden sexuellen Attraktion; so erfrischt von den in unfassbarer Anzahl aufgestellten Rasensprengern; so ergriffen von innerer Ruhe. Paarweise elegant dahinjoggend, sich über Rezepte unterhaltend, sich über raffinierte Erfolge amüsierend, sich gegenseitig Mut machend im Bewusstsein, keiner Gefahr je zu begegnen, die das Bankkonto nicht bewältigen könnte. 


 

Gestern früh wurde in Österreich ein LKW gefunden, der 71 verwesende Leichen barg. Kriegs- und Wirtschaftsflüchtlinge. Ungekühlt, unausgeruht, unfinanziert, nie angekommen in einer ohnehin abgebrannten Flüchtlingsunterkunft. Verzweifelt gehofft, bange riskiert, eiskalt betrogen. 

Erfolgreich tot. In Europa 2015. 

Manchmal reichen Tränen nicht, manchmal braucht es Wut.


 

"Paradies"


 


 


 

 


 


 

17.05.2015


 

Sein, oder nicht sein, frage auch ich mich manchmal. Nein, nicht der Tod ist´s, der mich zu dieser Fragestellung anregt, sondern der Wahnsinn. Ich überlege also manchmal, ob ich sie nicht alle habe.


 

Vor ein paar Tagen habe ich anlässlich mehrer Situationen auf den Straßen unserer anarchieverliebten Weltstadt in einem Anfall weltfremder Umnachtung geglaubt, es gäbe kein Leben mehr ohne DashCam, und so kaufte ich eine, natürlich ungebraucht originalverpackt ungetestet zu einem total günstigen Preis von einem total privaten Typen. Später bemerkte ich in meiner Aufgewecktheit, dass das Gerät ja gar kein Display hat und in Südkorea vermutlich zu einem Preis hergestellt worden war, der noch unter dem eines nagelneuen Hamburgers liegen dürfte. Nach diverser Fummelei war mir der Appetit vergangen und ich reklamierte die Kiste unter dezentem Hinweis auf §§ 312b, 356 ff. BGB bei dem Undercover- Händler, woraufhin eine völlig niemals je zu erwartende Funkstille seinerseits sich ausbreitete. 49 Euro verschenkt.


 

Einen Tag später kaufte ich im vermutlich größten Erika-Röchelt [Name von der Redaktion geändert]- Supermarkt der Welt an der Wiesbadener Ecke Mecklenburgische Straße in Wilmersdorf ein paar faire Schokokekse und eine Packung Recycling- Klopapier. Nein, beides war nicht in Südkorea hergestellt worden. Aber es war spätabends und trotzdem voll an den wie abends immer zu wenigen Kassen. Ok, dachte ich, warte ich einfach hinter so einem unscheinbaren Touristen. Kurz bevor ich dann nach gefühlten zwei Stunden meinen schweren Großeinkauf endlich auf das Band hätte legen können, indem ich die Artikel des Touristen raffiniert komprimieren wollte, rief er seine offenbar an anderen Kassen zeitgleich wartenden Kumpels, Familienangehörigen oder -- treffender -- Komplizen herbei, weshalb nun plötzlich weitere vier Leute lachend vor mir standen. 

Es dauerte nicht lange, da gesellte sich jemand vom Typ "harter Heizungsmonteur" hinzu, jemand, der vermutlich auf sein Auto als Internetadresse "HeizungImArsch.de" schreiben würde. Irgendwann bemerkte sogar ich, dass er sich allmählich an mir vorbeizuschieben drohte. Es war spät, und ich brauchte die Kekse, daher wies ich ihn höchst diplomatisch an, doch bitte hinter mir warten zu wollen. Der dann folgende kurze Wortwechsel sei hier wörtlich wiedergegeben :

"Achso, du meinst, du warst vor mir, ist ja interessant ..."

"Äh ... ja, das war ich wirklich."

"Und warum warst du dann nicht hier, als ich kam ? Ich hab dich hier nirgendwo gesehen ... hmm ..., aber wahrscheinlich hast du dich kurz mal unsichtbar gemacht. Bist´n Zauberkünstler oder so. Ist ja voll geil. Und jetzt willst du also, dass ich dich vorlasse, ja ?"

"Cooler Kommentar, aber ich war vor Dir, also wäre es nett, wenn Du Dich hinter mir anstellst." 

"Weißt du was -- ich lass dich heut mal vor."

"Ist voll nett von Dir."

"Jaja ... so sind wa ..." erwiderte er zischend mit seiner bedrohlich verrauchten Stimme; mich anschauend, als sei einem Südstaaten- Sheriff aus dem 18. Jahrhundert soeben ein entlaufener schwarzer Sklave in´s Netz gegangen; während er offenbar überlegte, ob er ein Küchenmesser aus dem Haushaltswaren- Regal holen sollte, so ein schönes, langes, stabiles ...; -- ja, es fühlte etwas unbehaglich an, ausnahmsweise vorgelassen zu werden.

Bald schon, etwa nach weiteren gefühlten zwei Stunden, war ich am Ziel : der beleibten / behaarten Kassiererin Frau Z, die schon die ganze Zeit zurückgelegten Hauptes ein merkwürdiges Grinsen auf den Lippen trug. Endlich würde sie meine Kekse und mein Klopapier abfertigen, ich zählte schon die letzten Sekunden bis zur großen Kekspackungseröffnung. Da wandte sich Frau Z von mir ab und stattdessen nach links einer völlig fertigen Frau zu, offenbar einer Kollegin. Wortlos registrierte sie deren Privateinkauf, während die Kollegin erschöpftermaßen ein paar belanglose Worte der Freundlichkeit veräußerte. Frau Z war jetzt auch mit ihr endlich fertig, nannte die im Kopf ausgerechnete Endsumme nach Abzug des Personalrabatts, ließ sich Geld in die Hand schütten und wollte einen handsignierten Kassenbon mitgeben, der mit der Floskel "Schön Feiaahmt, Zappi" abgewehrt wurde. Frau Z zögerte kurz und zerknüllte daraufhin verzerrten Gesichtes den Kassenbon gründlich. Jetzt war ich dran, zumindest meine armen kleinen Sachen. ZACK, waren sie abgefertigt. Ich wollte ihr sodann vier Euro in die Hand schütten, die sie in meine Richtung ausgebreitet hatte. Die ersten beiden Geldstücke ließ ich aus meiner Hand die letzten 10 Zentimeter dorthinein fallen, doch Frau Z schaffte es geistesgegenwärtig, ihre Hand rechtzeitig wegzuziehen, woraufhin die Münzen klimpernd auf das ewig eiskalte Metall darunter fielen. Erstaunt blickte ich sie an : Sie grinste jetzt wieder zufrieden und sammelte die Münzen sorgsam auf. Die anderen beiden Münzen wollte ich noch sorgsamer in die erneut bereitgestellte offene Hand fallen lassen und verringerte den Abstand auf drei Zentimeter. Die Hand jedoch, sie entließ die kaum berührten Münzen erneut auf das Blech. Frau Z war nun irgendwie hocherfreut und sammelte die Münzen wieder auf. Jetzt war auch der Heizungsmonteur erstaunt. Zappi knallte dann das Rückgeld auf die kleine Plastikschale und bot mir siegesgewiss einen Bon an, den ich mich vorsichtshalber überfreundlich verabschiedend annahm und mich eilig entfernte.


 

Und morgen werde ich dem Händler seine originalverpackte DashCam an seine Wohnungstür hängen, ohne weiter mein Geld zurückzufordern. 

Bin ich der einzige, der nicht alle hat ?     

       


 


 


 


 

12.04.2015


 

Berlin lässt sich jeden Tag auf´s Neue als eine Stadt der Gegensätze feiern. Ok, das hört sich jetzt ziemlich überheblich an, denn auch andernorts gibt es selbstverständlich vielfältige Kontraste im Leben; etwa morgens Sonnenschein auf dem Acker, mittags Hagel beim Schützenfest, abends Bier in der Kneipe, nachts Landstreicher aus der Scheune verjagen. Für meinen Geschmack wartet unsere sich gern überschätzende Mutterstadt hingegen mit etwas zu großem Kaliber auf. Beispielsweise wird bei uns rund um die Uhr alle vier Stunden ein Fußgänger in einen Verkehrsunfall verwickelt, tagtäglich wird mindestens ein Leut oder ein Geschäft unfreundlich überfallen wegen ein paar Mark, irgendwo brennt´s immer, alle paar Tage lässt sich ein Mordopfer auffinden, Graffiti-Tags / Lärm / Dreck / Gestank überall; -- während nebenan in Markenklamotten joggend, exklusiv shoppend, FairTrade- Kaffee trinkend, Fernsehfilm drehend, Maserati ausfahrend brutalste Idylle herrscht. Irgendwie schaurig.


 

Vor ein paar Tagen bemerkte ich spätabends, dass im Hauseingang der Potsdamer Straße 186, einem sehr alten leerstehenden Bürogebäude, nicht etwa nur 30 schwarze Müllsäcke seit Monaten lagern, sondern mitten darin ein Obdachloser ... ähm, "lebt" ?! Wohl eher "vegetiert". Ein paar hundert Meter entfernt von den den vermutlich oftmals zwangsweise anschaffenden Straßendamen oder dem kultigen Crellestraßen- Kiez sitzt da einfach eine schweigsame alte Person inmitten von Müll vor unzähligen leeren Konservendosen, in die er leeren Blickes hineinschaut. Ganz sprachlos war ich nicht, sondern bot ihm als eigentlich absurde Geste der Nutzlosigkeit ein paar Süßigkeiten an, weil ich sonst nichts dabei hatte. Ohne Worte hob er seinen linken Arm, führte ihn über seinen Kopf und senkte ihn in geradezu segnender Form senkrecht nach unten. Mehrfach. Sonst nichts als einer abwehrend schüttelnden Handbewegung. So, wie er im Halbdunkel mit seinem lebensgeprägten Gesichtsausdruck aussah, hatte er längst mit dem Leben abgeschlossen und wartete nur noch auf den nächsten Fernbus in´s Nirwana. 

obdach- und hoffnungslos im Hauseingang

Alles Gute wünschte ich ihm unbeholfen und wurde sogleich wieder ohne jedweden Blickkontakt gesegnet. Nichts. Nichts konnte ich für ihn tun. Nichts. Nichts konnte mir diesen Abend noch erheitern.


 

Wenige Stunden später, früh am nächsten Morgen, bestand Denise ihre Fahrprüfung. Irgendwann wird sie mit ihren Youtube- Videos neben ihren guten Beziehungen zu Film und Fernsehen wahrscheinlich groß ´rauskommen. Und dann, so kündigte sie mir voller Dankbarkeit umarmend an, "kaufe ich Dir Deine eigene Fahrschule !" Ich glaube nicht, dass mir jemand zuvor mal etwas vergleichbar Teures angekündigt hat. Ach naja, ich bin natürlich bescheiden -- mir würde ein Haus auf dem Land genügen :D


 

Am nächsten Morgen spielten nicht nur alle Vögel ihre schönsten Lieblingslieder, sondern neben dem Auto spielten zwei Amseln Fangen. Ich hätte gern stundenlang zugesehen, aber Arbeitszeiten fangen leider immer viel zu früh an, dachte ich noch, während ich an einem ausgebrannten Auto am Botanischen Garten vorbeifuhr.


 

Und gestern nachmittag, als Griechenland noch immer überschuldet war und die Skandinavier begannen, sich gegen Russland zu rüsten, hatte ich nach einem pausenlos hektischen Vormittag Gelegenheit, einen doppelten Regenbogen über der Stadt betrachten zu dürfen.


 

Regenbögen über Berlin

-- Ja, wenn doch alles so schön (einfach) wäre. Aber wir können ja weiter daran arbeiten :-)


 


 


 


 

01.03.2015

 

Am 02.03.1986 gründete ich voller Stolz meine Papierschiffreederei "RWM", die der "KSL"- Konkurrenz meines besten Freundes allerdings weder quantitativ noch qualitativ, geschweige denn innovativ jemals das Wasser reichen konnte. Wir begruben unseren Konkurrenzkampf im Rahmen der allgemeinen Mauerfall- Euphorie um 1990 wortsinngetreu, indem wir diverse Dokumente und sämtliche Wertpapiere unseres komplizierten Kapitalsystems, das uns letztlich jedweden Enthusiasmus der Gründertage gestohlen hatte, in einer primitiven Keksblechdose am Ufer "unseres" Teltowkanals in Zehlendorf vergruben.

 

Doch der Aufbruchstimmung in eine One-world- Community folgte ein erster Irak- Krieg, die "Neue Weltordnung" eines gewissen Herrn Bush, der Bürgerkrieg in Jugoslawien und noch viele andere unschöne Ereignisse. Bis zum heutigen Tage. Vermutlich hören die beiden großen widerstreitenden Kräfte unserer Welt erst auf zu streiten, wenn diese Welt in Schutt und Asche liegt. Der Sieger darf dann über wortwörtlich verbrannte leblose Erde herrschen. Denn ganz nebenbei wird die trotz allen natürlichen Reichtums relativ zerbrechliche Lebensgrundlage unserer Menschheit tagtäglich von eben unserer Menschheit mit einer Gleichgültigkeit ruiniert, die an die triebgesteuerte Unbesonnenheit jeder beliebigen Schimmelpilzkultur erinnert : in einen Nährboden eindringen, aufblühend die Nährstoffe aufbrauchen, jämmerlich eingehen.  

Ich hoffe noch immer auf grundsätzliche gesamtgesellschaftliche Fortschritte, doch die brauchen viel Zeit. Ich hoffe, wir haben diese Zeit.

 

Gar nicht in der Vergangenheit oder Zukunft leben Leute, bei denen kein warmes Wasser aus der Leitung und kein Strom aus der Steckdose kommt, die kein Klo und kein Bett ihr eigen nennen dürfen. Nein, die gibt´s nicht nur in Afrika, die gibt´s gleich hier. Sie sind mitten unter uns, und sie leben. Vegetieren, besser gesagt.  

ehemalige Bushaltestelle Tiburtiusbrücke

 

Neulich gab ich in meiner Hilflosigkeit einer asiatischstämmigen älteren Dame gepflegten Erscheinungsbildes, die mir in bestem Deutsch ihre Geschichte kurz umriss, während sie ihr Nachtlager in einem Automatenraum der C...bank anrichtete, meine Visitenkarte mit dem Hinweis, sie könne sich jederzeit melden. Ja und dann ? Soll ich sie in meiner kleinen Wohnung aufnehmen ? Keine Ahnung, was ich für sie tun könnte, wenn sie mich darum bitten würde, doch ganz sicher würde ich im Winter nicht ablehnen. Keinen Plan, wie das dann weitergehen würde, aber ich möchte jedenfalls nicht, dass sich jemand durch die Kälte der Nacht quält, während ich im warmen Bett liege -- ganz gleich, weshalb dieser Jemand in seine Situation geraten ist. Schließlich hat nicht jeder so viel Kraft, Selbstdisziplin und Ausdauer, seinen Lebensweg inmitten unserer zivilisierten hedonistischen Erfolgsgesellschaft zu finden.

Rathaus Steglitz

 

Mir fiel immer wieder auf, wie einfach sich Menschen offenen Herzens miteinander verständigen und einander helfen KÖNNTEN. Konjunktiv, weil nicht Realität. In der Praxis nämlich fragen wir uns ständig, wie wir das finanzieren sollen, wie es wohl für die Nachbarn aussieht, wie wir das unserem Arbeitgeber erklären können, woher wir die Zeit nehmen, ob wir das überhaupt dürfen, ob wir nicht mal wieder verars.ht werden, etc. usw..  

Impulse sind da, nur werden sie in unserer verkomplizierten erfordernisgesteuerten Welt letztendlich zu oft eingekesselt und ermordet.

 

Viel können wir nicht tun. Wir allein können nicht die Armut der Welt lindern und keinen geplanten Weltkrieg effektiv verhindern, weder mit Demonstrationen noch mit Revolutionen. Wir können uns aber zumindest in unserem eigenen kleinen Radius der Familie, der Freundschaften oder des Wohnumfeldes einbringen mit dem wenigen, das wir haben. Wir können auch verzichten auf das, was andernorts zu Armut, Tierquälerei und Umweltzerstörung führt. Das ändert global nichts, aber dafür haben wir ein reines Gewissen. Das ist immerhin weit mehr, als die meisten Akteure auf den religiösen oder patriotischen Bühnen unserer Welt ihr eigen nennen dürfen; Akteure, an deren Händen das Blut zahlloser Menschen klebt, die letztlich für die Durchsetzung irgendwelcher egoistischer Interessen missbraucht wurden.  

Wer sind wir schon ? Nicht die oder der einzelne von uns ist wichtig, sonderen die Entwicklung unserer Menschheit zu einer bislang nicht dagewesenen Welt- Community in Frieden und gegenseitiger Achtung auch der lebenspendenden Natur gegenüber.

 

Ja klar, das hört sich jetzt alles total kitschig an, oder ? Hier schaut Euch das mal an, das IST kitschig, aber na und ? Lieber voll kitschig als rücksichts- und gewissenlos ... :-)
 

[Quelle : https://www.youtube.com/watch?v=26J0uDIGErM ] 

 

 

"Reunited", doch das passt schon -- denn schließlich sind alle Menschen vor langer Zeit aus ein und der selben Familie hervorgegangen.  

Wir sind tatsächlich alle Geschwister. Keine Schimmelsporen. 

 

MAKE LOVE -- NOT WAR 

 

 

 

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- Update zum 26.01.2015 -

Die ZEIT vom 05.02.2015


 

26.01.2015

 

Neue Gräben werden ausgehoben. Ob hierzulande noch polemisch-rhetorisch oder andernorts mal wieder old-school- militärisch -- es ist unübersehbar, dass unsere Gesellschaften gespalten werden sollen. In alle Ferne sollen jedweder Zusammenhalt, jede Einigkeit und Toleranz rücken, die spätestens das Internet- Zeitalter uns in Aussicht gestellt hat. Ob es das lange angekündigte Chaos vor dem Einsetzen der illuminatorischen Weltregierung ist oder nicht mag dahinstehen, denn wer auch immer insgeheim unsere Welt regieren will, kann uns nicht mehr befehlen, als wir mitmachen. Terrorgruppen, Separationspolitik und Patriotismusheuchelei werfen uns um viele Jahrzehnte gesellschaftlicher Bewusstseinsarbeit zurück, wenn wir nicht gemeinsam gegensteuern, wo wir es jede/r nach ihren / seinen Fähigkeiten individuell können. 

Vielleicht gründen wir auch nebenbei eine weitere dieser sogenannten "Volksbewegungen", nämlich die WEgeSA : Weltoffene Europäer gegen die Spaltung des Abendlandes und der Welt.


 

Wir brauchen keine ferngesteuerten Tumulte, Separationskriege oder Finanzkrisen, wir brauchen nur UNS : eine Weltcommunity, die nicht länger der Panik- und Meinungsmache folgt, sondern unbeirrbar den ethischen Grundsätzen der Menschenrechte. Nicht die 10.000 Söldner in der Ukraine, nicht die 25.000 Demonstranten in Dresden und auch nicht die 50.000 Religionskrieger in Syrien sind "das Volk" dieser Welt, sondern die 7.000.000.000 Menschen, die trotz aller Ungleichheit, trotz aller Schwierigkeiten sich täglich bemühen, friedlich ihr Leben zu bewältigen. Es ist unwichtig geworden, woher wir kommen und welche individuellen Weltanschauungen wir haben. Es kommt nur noch darauf an, was wir daraus machen. Nationalismus war gestern, heute ist Pluralismus; dagegen hilft keine noch so raffinierte Meinungsmache und auch kein abgekartetes Spardiktat mehr. Diese globale Einsicht und Wandlung des Bewusstseins kann nur noch verzögert, aber nicht mehr aufgehalten werden. 


 

Der billigbezahlte Zeitungsausträger, die nichtgeachtete Flusswäscherin, der perspektivlose Langzeitarbeitslose, die gebashte Busfahrerin, der todbedrohte Regimekritiker, die aufopfernde Familienmutter -- so sieht es in Wahrheit aus : "DAS VOLK". 


 



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01.12.2014


 

Wie es sich für ein anständiges Kind gehört, habe ich vor ein paar Tagen im Morgengrauen den Balkon meiner Mutter "winterfest" gemacht.Während meiner Überanstrengung entdeckte ich ein kleines schwarzes Etwas zwischen den Stühlen. Bei näherer Betrachtung stellte sich heraus, dass dieses Etwas kleine Füße hatte und als Schmetterling einzuordnen war, dem kältebedingt nichts weiter geblieben war, als seine Flügel einzuklappen und auf den wärmeren Frühling zu hoffen. Ich hauchte ihn an, um zu sehen, ob er noch lebe; und nach dem zweiten oder dritten Hauch bewegte er sich tatsächlich. Es war mühsam, aber er ließ sich letztlich doch überreden, auf meine Hand zu klettern. Ich wollte ihn zumindest in´s Treppenhaus bringen, damit er noch ein paar Tage dort überleben könnte. Auf Intervention meiner Elternschaft verbrachte ich ihn stattdessen auf einen Weihnachtsstern, der am Wohnzimmerfenster steht. Dort hingesetzt, saß er nun da und blieb regungslos. Er chilllte sozusagen. Vielleicht dachte er darüber nach, ob die roten Blätter mit Chemikalien eingefärbt worden seien oder doch essbar. Nur 10 Minuten später jedoch hatte er sich ein wenig aufgewärmt, weswegen er mit seinen Flügeln begann zu wedeln. Ein interessantes raschelndes Geräusch, das ich draußen im Umweltlärm noch nie gehört hatte. Schließlich schien ihn ein gewisser Mut zu beflügeln, weswegen er plötzlich begann, unkoordiniert durch die Gegend zu flattern. Er versuchte hartnäckig, durch das temperaturbedingt geschlossen gehaltene Fenster zu fliegen, was ihm jedoch misslang. Etwas missmutig setzte er sich dann auf den Fensterrahmen und schaute hinaus in die Freiheit.Wie gern hätte ich ihm geholfen, doch wäre diese Freiheit sein schneller Tod gewesen. Er saß er einfach nur da und sinnierte eventuell über die universellen Zusammenhänge des Lebens. Regungslos verharrte er bis zum späten Abend, als sich beim besten Willen schon längst kein Ausblick mehr über die Dächer unserer gigantischen Weltstadt erahnen ließ. Allmählich war er allerdings in eine gewisse Schieflage geraten, die ihn als relativ tot deklarierte. "Er ist von uns gegangen", befürchtete ich, und hauchte ihn an. "Ich bin noch da", wedelte er zu unserer Freude zurück. Kurz darauf aber nahm er all seine Kraft zusammen und flog in eine unzugängliche Ecke, die hell erleuchtet war. Dort blieb er bis zum nächsten Morgen. Als dann die Balkontür geöffnet wurde, flog er aus dem Hinterhalt überraschend hindurch -- hinaus in die eiskalte Freiheit ...


 

Lieber tot als unfrei, hat er uns gelehrt.

Schmetterling

in memoriam


 


 


 


 


 

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30.07.2014


 

Heute mal ein paar weniger erfreuliche Zeilen angesichts unserer immer weniger erfreulichen Weltlage.

 

Seit vielen Monaten beschäftigt uns die mysteriöse Ukraine- Krise, und wieder mal wissen wir nicht WIRKLICH, was das ganze Theater eigentlich soll. "Wer will was vom wem woraus", fragt der Jurist seine berühmte 5W- Frage und findet ebensowenig eine Antwort wie alle anderen Beobachter, die sich gemeinsam mit Herbert Grönemeyer schon seit den 80ern fragen : "Was soll das ?!"

 

Was das soll ? Mal sind es erzkapitalistische Interessen, mal strategisches Machtkalkül, dazwischen vielleicht auch schlichte Unvernunft -- wir dürfen begeistert raten. Ob wir damit richtig liegen, verrät uns jedoch keiner der verantwortlichen Akteure. Stattdessen legen sie uns wortreich immer neue Beweise und Gegenbeweise vor, Statements, Berichte, Drohungen, Manöver, ... alles, was das Große Einmaleins der Politpropaganda hergibt. Schlimm ist, dass nach jeder Enthüllung eine andere kommt, die noch schlimmer ist; nach doppeltem Boden folgt ein dreifacher; hinter einer oberflächlichen Wahrheit erscheint eine tiefere. Wem und was sollen wir da noch glauben ? Klar, wir SOLLEN alles glauben, was uns gesagt wird, aber können und DÜRFEN wir es überhaupt noch ? 

Es gibt mittlerweile nichts mehr, worin sich nicht eine kapitalistische oder sogar illuminatorische Weltverschwörung verbergen könnte, und sei es nur ein Verpackungswechsel meiner Lieblings- Schokolade. Ob, ISIS, Asad, Irak, Iran, Nordkorea, Vietnam, Kennedy, Kuba, Zweiter Weltkrieg, Tschernobyl, Lusitania, Treibhaus, Arbeitslosigkeit, Ehrenwort, Währungsreform, Atlantis oder nicht existente UFOs -- alles war hinterher doch irgendwie leider nicht ganz so, wie es uns die hübsche seriöse Dame in den Nachrichten ursprünglich gesagt hat. 

Welchen "Informationen" dürfen wir also noch trauen ? Allmählich nur noch der Tatsache, dass die Sonne morgens auf- und abends untergeht -- selbstverständlich auch nur unter dem Vorbehalt jederzeit möglicher Veränderung unserer Umlaufbahn.

 

Ohne Vertrauen erodiert unsere notwendigerweise auf sozialem Miteinander fußende menschliche Gemeinschaft zusehends. Ohne Vertrauen wächst Misstrauen und letztlich entsteht daraus wieder die altbekannte Anarchie des "jeder gegen jeden", die uns um hunderte Jahre zurückwerfen wird. 

 

Vielleicht sollten wir uns einfach zurückziehen von all diesen politischen und wirtschaftlichen Machtergreifern. Sollen sie doch ihr Spiel allein zu Ende spielen und die Folgen allein tragen; Kriegsgerät, Infrastruktur selbst herstellen und sich selbst gegenseitig damit umbringen. 

Wir sollten einfach nicht mehr mitmachen. Naja, "einfach" ? Das würde u.a. auch einen großen Konsumverzicht für uns bedeuten, denn mit unserem vielen Konsumgeld finanzieren wir letztlich die schmutzigen Spiele der globalen Kriegstreiber, die gut versteckt hinter heiligen Argumenten oder fremden Nationen oder unverhofft aus dem Nichts heraus gebildeten Separatisten oder Großaktionärsinteressen ihre Stellvertreter- Kriege führen. 

Müssen wir uns vielleicht mal fragen, wieviel uns der Weltfrieden und unser Gewissen wert sind. Ab und zu bei Sonnenschein demonstrieren, irgendeine schöne Online- Petition unterzeichnen und Apfelsaft im Bioladen kaufen reicht nicht, wenn wir anschließend weiter mit den spaßigen Konsumprodukten der großen Welt- Manipulatoren unsere Freizeit verbringen : über die Brückentage via airplane im Ausland shoppen; grundsätzlich um jeden Preis billige Produkte kaufen, die 12000 km entfernt billigst hergestellt wurden; über´s Wochenende mit dem Auto quer durch die Republik fahren; lecker vollfressen, ohne sich für die Inhaltsstoffe zu interessieren; Pillen blindlings gegen alles schlucken, Rammel- Pornos für Kinder ganz normal finden; saufen, bis der Arzt kommt; chatten und gamen, bis unseren Augen der Morgen graut; jedes Jahr ein neues Auto; Verantwortung, Moral, Ethik ist was für den Schulunterricht ...

Nicht mitmachen heißt nämlich auch, das uralte System der finanziellen Völkerversklavung und "panem et circensis" nicht länger zu unterstützen, indem wir nicht länger auf die zahllosen Konsumanimationen und (Des-) Informationskampagnen hereinfallen; uns auch nicht mehr von künstlich propagierten angeblichen Trends wie "YOLO, swag & cameltoe" in unserem Verhalten beeinflussen lassen.

Das ist kaum noch möglich, denn viel zu verflochten ist unser Leben schon inmitten des die Weltwirtschaft aufrechterhaltenden Konsums. Aber wo immer wir etwas wir tun können bzw. nicht tun müssen, sollten wir diese Möglichkeit auch konsequent  

nutzen : nämlich NICHT bei den allgegenwärtigen Konsumorgien mitmachen, NICHT mehr als dringend nötig verbrauchen. 

Dann geht denen, die von unserer Arbeit wie unserem Geld gut leben und damit lässig in der Welt herumspielen können, irgendwann der Nachschub für ihre teuren, menschenverachtenden Machenschaften aus. Keine Melkkuh = keine Milch.

Nebenbei freut sich die Natur über eine deutliche Entlastung, was unsere Kinder in 20, 50 oder 100 Jahren sicher zu schätzen wissen.


 

Warum diese Leute durch die gesamte Menschheitsgeschichte hindurch immer wieder Kriege führen, können wir natürlich nicht wirklich verstehen, denn es gibt dabei schließlich immer nur Land, Prestige, Macht oder Geld zu gewinnen -- kein Herz.

Aber vielleicht haben sie ja gar keins und vermissen es auch nicht. Die armen.


 


 


 

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06.06.2014


 

Wenn schweigen Silber ist, und reden Gold


 

Schweigen stellt per se keine Willenserklärung dar und darf ohne vorherige Vereinbarung nicht als aussagekräftige Erklärung jeglicher Art gewertet werden; schweigen wird auch vor Gericht formal nicht als Eingeständnis gewertet. Doch vielleicht ist Euch schon aufgefallen, dass gerade deshalb das Schweigen immer beliebter wird. Ob Behörde, Rechtsanwalt, Forenmitglied, Schuldner oder irgendwelche Freunde – wird eine aussagekräftige Antwort intuitiv menschlich erwartet, schweigen sie alle gern, obwohl eine kurze Resonanz bzw. letztlich ein klärender Dialog alle Zweifel leicht beseitigen und eine längerfristige Fortsetzung freundlicher Kommunikation gewähren könnte. Dahinter mag Arroganz vermutet werden, was zu einem nicht unerheblichen Teil auch zutreffen wird, doch schauen wir uns die Situationen, ihre Vorgeschichte und die intellektuell-charakterlichen Fähigkeiten des Schweigenden näher an, kommen wir nicht selten zu der einfachen Schlussfolgerung, es fehle der Gegenseite schlichtweg die Argumentationsfähigkeit. Schweigen wird tatsächlich relativ oft aus der Verlegenheit heraus gewählt, keine Idee zu haben, wie die eigene Position gesichtswahrend gehalten werden könnte oder sogar Angst davor zu haben, einen Fehler offen einzugestehen. Und dann folgt der ängstlichen Ideenlosigkeit die gähnende Leere, plötzliche Unerreichbarkeit, mitunter auch aggressive Abwehr; also entweder Funkstille oder Gegenangriff. Immer wieder sehr eindrucksvoll, wenn insbesondere ein unberechtigter Vorwurf richtiggestellt oder ein Fehler aufgezeigt werden soll, worauf dann der Angeredete sich nicht etwa entschuldigt oder unsere Darstellung unvoreingenommen prüft, sondern es wird schriftlich wie persönlich einfach abgeseilt, vielleicht noch knapp auf wiederholtes Nachfragen genervt reagiert; oder es werden sogar von vornherein atemlos herumbrüllend unsere sachlichen Worte niedergemetzelt und zur Unkenntlichkeit verdreht. Allzuleicht stellen sich dann bei uns Selbstzweifel ein, oder zumindest lässt uns unser Harmoniebedürfnis weiterem Streitgespräch aus dem Wege gehen. Und damit entsteht beim Gegenpart ebenso leicht die Überzeugtheit, mal wieder „gesiegt“ zu haben.

Ein schöner Pyrrhus- Sieg für ihn, denn dieser Mensch hat unsere offene Hand der Dialogbereitschaft leichtfertig ausgeschlagen, seine Chance auf eine Bewusstseins- bzw. Kenntniserweiterung vertan und uns damit verloren. Für uns selbst gibt es da nichts zu bezweifeln oder zu verzweifeln, bestenfalls ihn zu bedauern – den armen Sieger. Ich glaube nicht, dass wir mit ihm tauschen   wollen …


 

Tröstlich zu wissen, dass es Menschen gibt, die noch größere Probleme haben als wir – oder ?

:)


 

- ps

Kürzlich verabredete ich mich mit einer Architektin, um Marmeladengläser auszutauschen. Wir hatten uns nie zuvor gesehen, weshalb sie mir schrieb, sie trage schwarze Klamotten und sei Mitte 50. Ich nahm aufgrund der Wortwahl und Vorgeschichte an, sie bedauere indirekt ihr Alter oder schäme sich mir gegenüber deswegen. Daher schrieb ich zurück, ich sähe auch nicht jünger aus als 40 und dachte in meiner brillanten Schlauheit, mich auf diese Weise mit ihr solidarisiert zu haben. Als sie mich dann im Termin persönlich sah, rief sie mir jedoch als allerersten Satz fast schon beleidigt entgegen "Du siehst doch gar nicht jünger aus als 40, sondern viel älter !" ... Sie hatte meine Worte offenbar dahingehend missverstanden, ich hätte mich ihr gegenüber aus Gründen der Eitelkeit als wesentlich jugendlicher abgrenzen wollen.

Ja, -- wenn Worte reden könnten ... aber manchmal ist schweigen wohl doch besser als reden.

Wir haben uns nie wieder gesehen. 


 


 


 

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24.03.2014


 

50 random facts about ... whom ?!


 

YT hat mich getagged, ... getackt ... ähm, also angehauen oder wie das heißt. Ja, meine Süßen, die haben mir vorgeschlagen, doch mal so ein Video anzuschauen, wo jemand was von sich erzählt und so. Hab ich dann mal so gemacht und war voll erstaunt. Stellt Euch vor, da erzählt so´ne hübsche Zwanzigjährige aus ihrem Leben und wie sie alles sieht und so. Hab mich erst gewundert, wer issie denn, dass sie sich hier so präsentiert und hab dann aber gesehen, dass sie schon 150 Videos gedreht hat und damit 80.000 Abonnenten gewonnen hat, mehr als 300.000 Aufrufe jeweils und fast immer nur Likes. Dann hab ich mir mal so ein paar Dinger angeschaut und dachte mir so, na toll, das kann ich auch. Achso, nee, blöd, das kann ich ja doch nicht, fiel mir dann aber ein, weil ich ja nicht so hübsch bin, schade. Stellt Euch vor, was Euch da alles entgeht ...

 

fact no. 1 -- ich mag Schokolade. Ja, wann immer ich Schokolade sehe, muss ich sie auch essen, darf aber kein Chili drin sein, hihi.

fact no. 2 -- ich hatte noch nie eine Katze. Das verstehe ich zwar selbst nicht, weil ich Katzen eigentlich sehr mag, aber es hat sich eben nie ergeben. Aber vielleicht läuft mir ja mal eine zu, [grins].

fact no. 3 -- ich liebe Klappräder ! Ja, aber nur die echt alten aus den 60er und 70er Jahren. Die sind zwar lahm, aber dafür niedlich und stilistisch voll retro. Bonanza dagegen finde ich zwar interessant, aber blöd, weil man immer gleich nach hinten überkippt, wenn man Vollgas gibt. ;)

fact no. 4 ich benutzte kein Mascara. Ja, weil ich finde, dass meine Augen so viel natürlicher aussehen; ich bin überhaupt ein voll natürlicher Typ, ich bin auch voll gern in der Natur und so. :)

fact no. 5 -- meine Freundin Gabi hat gesagt, ich sei immer voll böse. Hat sie natürlich voll ironisch gemeint. Ich finde, sie hat voll recht, harhar.

fact no. 6 ff. -- ich bin ein Mensch wie alle anderen auch; insbesondere wie die weltweit zahllos hungernden, leidenden, sterbenden. Und niemand von denen interessiert, mit welcher Hand ich schreibe, welches Kleid ich nie anhatte, was ich immer zum Abendbrot esse, welchen Film ich sechsmal gesehen habe und wo ich studiert habe.

-- Mich auch nicht.

 


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19.12.2013

 

+ 5 8


Jemand aus Venezuela rief mich an. Nachdem ich ansetzte, in höchsten Tönen sein Heimatland zu loben, durchkreuzte er meinen Enthusiasmus, indem er mir von Anarchie auf den Straßen, mehreren hundert gewaltbedingten Todesopfern wöchentlich, willkürlich abkassierenden Polizisten, mehreren tausend Prozent Inflationsrate, fast völliger Importabhängigkeit mit folglich horrenden Preisen für Lebensmittel und von weiteren Unbehaglichkeiten berichtete. Seine Kinder habe er bereits in´s Ausland geschickt und er selbst verlasse Venezuela so bald wie möglich, weil die Lebensqualität "am Nullpunkt angelangt" sei. Das Gespräch beendete er schließlich mit der Überlegung, es könne abgehört werden. Angesichts meiner betroffenen Sprachlosigkeit blieb mir nur, ihm, seiner Familie und seinem Land alles erdenklich Gute zu wünschen. 


 Wenn in unseren Nachrichten von Mord und Perversion erzählt wird, um im selben Atemzug mit den Bundesliga- Ergebnissen anschließen zu können und beim Nieselregen aufzuhören, dringen diese Grausamkeiten überhaupt nicht in unser Innerstes. Wir leben hier in unserer stark befestigten Oase inmitten weltweiter großer und kleiner Katastrophen, Krisen, Kriege und halten diesen halbwegs paradiesischen Zustand gesicherten Überflusses für total normal. Ist aber nicht normal. "Normal" ist Unrecht, Übervölkerung, Unterernährung; Mangel allenthalben.

Wir könnten ruhig mal innehalten, dankbar sein, -- und der großen Mehrheit unserer Menschheit aufrichtig mitfühlend gedenken, der es nicht ansatzweise so gut geht wie uns. Weihnachten im Sinne einer heilig geweihten Nacht bedeutet nicht, konsumieren bis die Wampe platzt, sondern Nächstenliebe und teilen. Es spricht nichts dagegen, jeden Tag ein solches Weihnachten zu feiern. 

Aber diese Message ist wirtschaftlich betrachtet natürlich völlig unhaltbar, uncool sowieso.


 

Stell Dir vor, es ist Dekadenz -- und keiner hat mehr Spaß daran.


 


 

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17.11.2013

 

Na, freut Ihr Euch ?


 

"Frohe Weihnachten", nuschelt uns der in einem zerknitterten Santa- Kostüm lustlos im Gedränge vor dem Eingang herumlatschende Student an, nachdem er seine Kippe gleichgültig irgendwohin geschnippt hat. Im Laden stapeln sich seit dem Spätsommer brüllend feierlich verpackte Lebkuchenherzen auf Dutzenden Europaletten. Gleich daneben wie immer 22 Tonnen nagelneuer Lichterketten frisch aus dem schwülheissen Asien, die längst in keinem zivilisierten Haushalt mehr fehlen, weswegen die jeweils älteren jedes Jahr weggeworfen werden müssen, um endlich neue kaufen zu können. Weshalb die Mitarbeiter in den Verkaufsräumen keinen Gehörschutz tragen, erschließt sich nicht, wenngleich nur wenige Minuten umtost vom alldurchdringenden Jingle der seit 50 Jahren nahezu unverändert gebliebenen Weihnachtsmelodien allen nicht apathischen Kunden wie eine ernsthaft den Lebensmut bedrohende Ewigkeit erscheinen müssen. Es fehlt nicht an überreichlich platzierter Dekoration -- Kunststoff- Imitationen antik geschmückter Weihnachtstanne --, denen schon qualitativ trotz unzweifelhaft feierlicher Relevanz keinerlei emotionale Einflussnahme gelingt. Grün, rot, gold, die Farben des Festes der Liebe, fehlen auf keinem noch so überflüssigen Impulskaufartikel. Die Akkordkassiererin endlich überlebt, stellt sich die Frage, weshalb nicht einfach von vornherein das Geld dort abgegeben wurde, OHNE etwas zu kaufen -- Verkäufer, Kunden und Umwelt würden sich freuen.


 

Ja, wir freuen uns alle. 

-- Auf Januar.

:)


 


 

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09.07.2013


 

Kürzlich suchte mich eine gewisse M. schriftlich auf, woraus sich ein unverhofft intensiver Kontakt entwickelte. Als wir uns dann ein erstes Mal kurz persönlich trafen, stellte ich wieder einmal fest, wie lediglich begrenzt geschriebene Worte Inhalt übermitteln können. Ein sogenanntes "Date" sagt mehr als 1000 Worte. Wer braucht noch Mails -- wenn es echte Menschen gibt . 

Abgesehen davon gibt´s einen Todesfall zu beklagen, der zwar nicht plötzlich hereinbrach, aber trotzdem alle Planung als obsolet vom Tisch fegte. In solchen Situationen fragt man sich mal wieder, wozu Vorbereitung  -- wenn es sowieso anders kommt.

M erklärte mir, wenn eine Phase länger als drei Monate andauere, sei es keine Phase mehr, sondern ein Zustand. Ich bin also einem arbeiten-schlafen- Zustand zum Opfer gefallen. Tja, weshalb betreibe überhaupt eine eigene Website -- wenn ich keine Zeit habe, sie zu bewirtschaften.

 

Glücklicherweise sieht man den Texten nicht an, dass sie allmählich verstauben und sich Spinnweben einnisten. Ja -- auch geschriebene Worte haben ihre Vorzüge ...


 

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01.05.2013

Die Auslastungsgrenze ist erreicht, spätestens seit ich neben allen anderen Erfordernissen eine neue Website erstelle. Daher können bis auf weiteres noch immer keine neuen Texte eingestellt werden. Nicht, dass jemand sie dringend vermissen könnte, doch hatte ich ja vollmundig "neue ... Basteleien" in regelmäßigen Abständen angekündigt; daher der heutige kleine Hinweis allein aus Gründen der Höflichkeit ... falls sie jemand dringend vermisst hätte.


 

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23.02.2013

Plötzlich ist schon wieder ein halbes Jahr vergangen. 

Die Zeit verrinnt ebenso dramatisch wie die Preise inflationär steigen, die Realrentenhöhen desilusionierend sinken und wie missliebige Ereignisse aller Art neuerdings kein "Ponyhof" sind (wer hat sich eigentlich dieses bescheuerte Sprichwort ausgedacht?!).

Ich hätte nicht gedacht, dass insbesondere das Ghostwriting derart freundliche Aufnahme findet. In den letzten sechs Wochen schrieb ich einen Vortrag, eine Lehramts- Facharbeit, eine Betreuungsanregungs- Erwiderung, eine Zahlungsklage nach mehreren Zahlungsaufforderungen, eine (kurze) Englisch- Hausarbeit, (fremde) Homepagetexte, eine Ikonographie, eine Prüfungsanfechtung und weitere Kleinigkeiten im Akkord -- nebenbei. 

Jedenfalls bin ich derzeit etwas zu "ausgebucht", um die längst vorhandenen weiteren Textfragmente zu modernisieren und hier einzustellen oder neue Ideen zu realisieren. Hört sich jetzt bestimmt total protzig und prahlerisch an, sorry, ist aber echt nicht erfunden. Vielleicht ist das hier auch nur so eine kurze Phase, der langanhaltende Ruhe folgt; keine Ahnung. Macht aber Spaß.

Erst in Richtung April habe ich wohl wieder Nerven für neue Stories auf berlin-erzählt.de. Aber ich will mich nicht beklagen -- schließlich ist auch ein spaßiges Leben kein Ponyhof ... 


 


 

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25.08.2012

- Story ist verschoben worden auf die Seite "Szenen" -

 

 

 


 

Informationen zur Diesel-Problematik finden Sie zum Beispiel hier :

 

http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/diesel-abgase-bedingen-groesseres-lungenkrebs-risiko-als-angenommen-a-838511.html


oder dort :


http://www.umweltbrief.de/neu/html/Umweltbrief_spezial_Feinstaub.html#Klimakiller_Dieselmotoren


Nur weil Dieselabgase heute zumeist kaum mehr sicht- oder riechbar erscheinen, sind sie nicht etwa verschwunden. Im Gegenteil : Dieselabgase halten sich nach wie vor relativ lange in Bodennähe und verflüchtigen sich relativ langsam. Wir atmen also frohen Mutes die unbescholtene Frühlingsluft hinter dem Taxi oder Bus ein -- und füllen unsere Lungen unbemerkt mit sehr viel Stickoxid und Myriaden winzigster Ruß- Partikel.

Abgesehen vom Gesundheitsaspekt weiß niemand so genau, welche Folgen durch den in der Landschaft so großzügig verteilten Ruß, der schließlich in den Wasserkreislauf gelangt,  verursacht werden. Zudem scheinen sich die Rußpartikel auch noch klimatechnisch negativ bemerkbar zu machen.


Schlimm genug, dass Heerscharen von Nutzfahrzeugen in Innenstadtbereichen mit Dieselmotoren betrieben werden. Der Dieselschadstoffausstoß privater KFZ hingegen könnte zukünftig sogar ganz vermieden werden, wenn dort solche Motoren einfach nicht mehr verbaut werden dürften. Dann ist´s eben vorbei mit billig durch die Gegend heizen. Ist vielleicht weniger schlimm als -- etwas polemisch ausgedrückt -- todkranke Kinder ohne lebenswerte Zukunftsperspektive. 


 


 


 


 

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